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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

30. Juli 2010

Krisenopfer: "Nicht alles ist Happiness"

 Von Wiebke Rannenberg
Der Offenbacher Psychologe Werner Gross  Foto: Michael Schick

Der Offenbacher Therapeut Werner Gross spricht im FR-Interview mit Wiebke Rannenberg über die Opfer der Wirtschaftskrise und Karrieren auf Kosten der Gesundheit.

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Offenbach –  
unter Kontrolle

RFID steht für Identifizierung mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen. Auf einem RFID Chip können auch Daten erfasst und gespeichert werden.
Verwendung finden sie zum Beispiel bei der Identifikation von Haustieren, Konsumartikel, in Reisepässen, bei Fahrkarten. Der Einzelhandel nutzt sie für Logistik oder Diebstahlschutz.
Die Reichweite der Transponder ist unterschiedlich. Lesegeräte können unsichtbar installiert werden. Kritiker warnen davor, dass mittels der erfassten Daten ein exaktes Bewegungs- und Konsumprofil eines jeden Bürgers erstellt werden kann. jur Mehr: fr-online.de/rhoenklinikum





Herr Gross, wie schaffen Sie es, Arbeit und Leben in Balance zu bringen?
Ich habe vor drei Jahren meine Kassenzulassung zurückgegeben. Das war ein innerer Kampf, ich habe schließlich viele Jahre dafür gekämpft, dass Psychologen und Psychotherapeuten eine Kassenzulassung bekommen. Aber jetzt behandele ich selbst nur noch ein paar Privatpatienten, gebe Coaching und Seminare. Ich bin jemand, der mit beiden Händen anpackt. Entweder ich arbeite oder ich habe Freizeit. Deshalb mache ich drei Monate Urlaub im Jahr.

Sie waren nicht zufrieden mit Ihrem Gleichgewicht?
Ich habe mich ja nicht umsonst mit den seelischen Kosten der Karriere beschäftigt. Es gibt ja immer einen persönlichen Bezug: Ich kenne selbst Tendenzen zum Arbeitsrausch ganz gut.


Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist noch nicht vorbei, haben Sie viele Anfragen?
Als Psychotherapeuten sind wir auch so etwas wie „Krisengewinnler“. Wir haben hier in der Praxengemeinschaft eine Warteliste, allein heute Morgen waren es drei Anfragen.

Was wollen die krisengeschüttelten Menschen?
Es geht heute eher darum, aktuelle Feuer auszutreten. Eine langfristige Therapie wird seltener.

Es soll schnell gehen?
Ja. Das ist der Unterschied zwischen Psychotherapie und Coaching.

Welche Beschwerden haben die Menschen, die Ihren Rat suchen?
Ängste, Depressionen, Berufs- und Partnerprobleme, psychosomatische Erkrankungen. Es kommen auch immer mehr Krebspatienten. Der Krebs wird nicht durch die Krise verursacht, aber wenn der Stress im Job chronisch wird und die Abwehrkräfte niedriger, ist die Gefahr, dass der Stress zum Auslöser wird, schon gegeben.

In Ihrem neuen Buch arbeiten Sie sehr viel mit Zitaten. Sie enden mit Winston Churchill: „Alles in allem kann man die Menschen in drei Klassen einteilen: solche, die sich zu Tode arbeiten, solche, die sich zu Tode sorgen, und solche, die sich zu Tode langweilen.“ Ist das die Erkenntnis?
Markante Sätze bleiben den Menschen im Kopf. Und der Churchill-Spruch ist ein ironischer Schluss. Die Frage ist ja: Wie kriege ich die Gratwanderung für ein sinnliches und ein sinnhaftes Leben hin? Dazu muss ich die fünf Säulen Arbeit, Körper, Familie, soziale Beziehungen und das Sinnsystem in Balance bekommen. Es ist einfach nicht alles Hippi-hoppi-Happiness. Baue dir keine Wolkenkuckucksheime. Achte darauf, dass Du nicht abstürzt.

Haben Sie ein Lieblingszitat?
Mir gefällt gut: Falle aus der Rolle, damit Du aus der Falle rollst. Auch: Wenn du etwas haben willst, was du noch nie hattest, musst du etwas tun, was du noch nie getan hast. Aber die Bedeutung solcher Zitate für den Einzelnen ändert sich, das kommt auf die jeweilige Lebenssituation an.

Der Untertitel heißt: Karriere und Lebensglück. Was ist für Sie Karriere?
Karriere heißt erstmal: auf der Rennbahn. Mir geht es nicht um „straight to the top“ mit Loft, Porsche, Rennpferd und zurückgelassenen Leichen. Es geht um die Lebenskarriere, beruflich und privat: Was macht mir sinnlich Spaß und gibt auch einen Sinn? Wenn ich diese Welt verlasse und habe sie ein kleines bisschen besser gemacht, ist auch das noch ein wesentlicher Aspekt.

Und das Glück? Es gibt viele Kollegen von Ihnen, die sagen, Glück als Ziel funktioniert nicht. Man könne Zufriedenheit anstreben.
Der Untertitel ist nicht von mir. Ich kann aber dazu stehen. Dennoch sollten wir nicht diesem Glücksterror erliegen, den Werbung oder Esoterikszene vorgaukeln. Glück ist sowas wie eine Blütezeit, von der man in der Natur ja auch weiß, dass sie vorbeigeht.

Ratgeber gibt es viele, was ist das Besondere an Ihrem Buch?
Ich sehe es nicht als Ratgeber. Ich habe zwar einige Kapitel „Zum Weiterdenken“. Das allein wäre ein Ratgeber. Aber ich stelle auch wissenschaftliche Studien vor.

Halten Sie die zahlreichen Lebensratgeber für schädlich?
Das ist die alte Frage: Gehe ich einen lösungsorientierten oder einen problemorientierten Weg? Wenn ich frage, „wieso funktioniert das nicht? Woher kenne ich das? Was habe ich in meiner Familiengeschichte erlebt?“, ist man im therapeutischen Prozess. Ich empfehle drei Schritte: Nehmen Sie sich etwas vor. Schaffen Sie es nicht allein, suchen Sie sich jemanden aus dem Freundeskreis, der Sie unterstützt. Wenn das nicht geht, suchen Sie sich eine Selbsthilfegruppe. Erst wenn das nicht funktioniert, sind Profis gefragt. Ich zerre niemanden in eine Therapie.

Interview: Wiebke Rannenberg

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