Keine glänzenden Kugeln, keine Sterne, kein Weihnachtsbaum. Bis auf Gebäck wie Stollen und Dominosteine gab es nichts, was im Hause Içten an Weihnachten erinnerte. Das fand Hanife doof. Damals, als Kind, war sie ziemlich traurig darüber, dass daheim kein geschmückter Baum stand, dass sie - anders als ihre Klassenkameraden und Freunde - keine Geschenke bekam. Weihnachten fand bei Familie Içten einfach nicht statt. Weil die aus der Türkei stammenden Eltern meinten, Weihnachten sei ein christliches Fest und als Muslime hätten sie damit nichts zu tun.
Ein bisschen peinlich
Heute ist Hanife 39 Jahre alt und sieht die Sache ganz anders als ihre Eltern. "Ich habe eine Kiste, auf der steht ganz dick Weihnachten", erzählt sie lachend. Und in dieser Kiste bewahrt sie glänzende Kugeln, Sterne und all den anderen Schmuck auf, mit dem nunmehr sie den Tannenbaum schmückt. Auch wenn es ihr "ein bisschen peinlich ist", gesteht sie, dass sie darauf nicht verzichten mag. Auf Geschenke von ihrem Ehemann schon. "ich wüsste gar nicht, was nur er mir schenken könnte", sagt Hanife Içten.
Verheiratet ist sie mit einem christlich sozialisierten Deutschen und feiert das Fest mal nur mit ihm, mal auch mit der Schwiegermutter zusammen - "und immer nach Lust und Laune", erzählt die Buchmessen-Mitarbeiterin und verrät, dass sie an Weihnachten auf ein weiters Accessoire nicht verzichten mag: eine Krippe mit Playmobilfiguren.
Hanife Içten ist sicherlich kein Einzelfall; so manche der erwachsen gewordenen Töchter und Söhne von Einwanderern aus muslimischen Ländern haben Weihnachten in ihr Leben integriert, vor allem wenn sie Kinder haben. So wie Songül Kayabasi.
Die alleinerziehende Mutter feiert Heiligabend mit ihrer fünfjährigen Tochter "mit fast allem Pipapo"; es gibt Geschenke, festliches Essen und "natürlich" auch einen Weihnachtsbaum. "Ich finde es wichtig, dass mein Kind mit der Kultur und Religion des Landes vertraut ist, im dem es aufwächst", sagt die 36-jährige Muslima, die ein interreligiöses Projekt leitet. Wenn ihre Tochter älter geworden ist und in ihrem eigenen Glauben gefestigter, dann wolle sie mit ihr an Heiligabend auch den Gottesdienst besuchen.
Es gibt aber auch muslimische Eltern, die mit Blick auf den religiösen Hintergrund auf weihnachtlichen Rituale gänzlich verzichten. So ist beispielsweise für die aus Bosnien stammende Familie Mustafi der 24. Dezember ein normaler Tag. Ramo Mustafi hat Spätdienst im St. Marienkrankenhaus. Der Stationsleiter hat sich bewusst für diese Schicht eingeteilt, "damit andere Kollegen Heiligabend mit der Familie sein können". Seinen drei Kindern im Alter von 13, sechs und vier Jahren wird er nicht allzu sehr fehlen, denn sie wissen, "dass es nicht unser Fest ist". Deinen Kindern habe er es ausführlich erklärt, sagt der 38-Jährige.
Auch im Elternhaus von Hasibe Özaslan fand Weihnachten nicht statt. Doch anders als Hanife war Hasibe kein bisschen traurig darüber, erzählt die 32-Jährige. Ihre Eltern hätten ihr ausführlich erklärt, dass Weihnachten das Fest der Christen sei und was es damit auf sich habe. Und da sie zum Bayram reich beschenkt worden sei, habe es ihr nichts ausgemacht, wenn die Freundinnen ihre Weihnachtsgeschenke präsentierten.
Mit Tee und Lebkuchen
Dass dem muslimisch erzogenen Mädchen Hasibe zu Hause das Weihnachtsfest nicht fehlte, hängt wohl auch mit einem anderen Grund zusammen. Denn - obwohl Tochter praktizierender Muslime - besuchte sie einen katholischen Kindergarten. "Da bekam ich, wenn auch nicht das volle Programm, reichlich viel von Weihnachten mit", sagt die Diplompädagogin.
Auch wenn die praktizierende Muslima mit Weihnachten nichts am Hut hat, die besinnliche Atmosphäre um diese Zeit mag sie. Zum abendlichen Tee gibt es Lebkuchen, und die Feiertage nutzen ihr Mann und sie für geselliges Beisammensein mit Freunden. Für den 24. Dezember hat das Ehepaar Özaslan Freunde eingeladen, dann gibt es selbstgebackene Pizza. Und Hanife Içten will, "wenn auch untypisch für Heiligabend", Wildbraten auftischen.

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