Er ist ein Künstler ohne Atelier. Braucht er auch nicht. Thomas Lüer nimmt sich die ganze Stadt. Straßen, Plätze, Architektur, Fassaden sind die Projektionsflächen seiner Werke, die Raum, Zeit, Realität und Illusion in aller Öffentlichkeit durcheinander bringen - und gewöhnliche Orte in neuem Zusammenhang zeigen, die plötzlich ganz neu wahrgenommen werden. Das Werk entsteht durch Inszenierung. Und Thomas Lüer inszeniert mit Videobildern, Filmen, zum Teil mit Installationen, die realen Raum verändern.
Klingt ziemlich theoretisch. In Mannheim lässt sich das Anliegen gerade in der Praxis betrachten: In der Galerie Rozku in einem ganz gewöhnlichen Beton-Siedlungsbau aus den 80ern, wie er eins zu eins auch am Ben-Gurion-Ring stehen könnte, hat der Künstler, der 2000 der Liebe wegen nach Frankfurt zog, ein überdimensionales Fantasiemodell in den Ausstellungsraum gestellt, blau beleuchtet und dadurch die Illusion eines Versuchslabors erzeugt, das sich nur durch die Schaufensterscheibe von außen betrachten lässt. In einer anderen Arbeit in Leipzig zeigt Lüer Menschen im Büro hinter beleuchteten Fenstern als Schattenspiel.
Display, Videokunst im öffentlichen Raum, läuft von Mittwoch, 10. 2., bis 27. Februar täglich von 19 Uhr an der Fassade der Frankfurter DekaBank, Stephanstraße 14-16.
Zur Eröffnung um 19 Uhr sprechen Silke Schulster-Müller, Leiterin gesellschaftliches Engagement der DekaBank, und Carolina Romahn, Kulturamtsleiterin der Stadt. Reinhard Buskies, Leiter des Kunstvereins Bochum und Kurator des Kunstprojekts, führt in die Arbeiten ein.
Finanziert wird das Projekt von der Stadt und privaten Investoren.
Tatsächlich ist die real scheinende Alltagsszene Illusion, der vermeintliche Büroraum nur Projektionsfolie am Fenster. Zur Nacht der Museen in Leipzig wiederum hat er eine offene Tür mit Blick in einen imaginären Ausstellungsraum an eine Museumswand projiziert, in dem ein Führer offensichtlich Bilder erklärt. Man hört seine Schritte, seinen Atem, sieht ihn sprechen - nur seine Stimme ist nicht zu hören. Irritierende Wahrnehmung, die alle Logik außer Kraft setzt. Der Raum ist Fiktion, und die Gewissheit, wenn man Atem und Schritte hört, müsste auch die Stimme zu hören sein, entpuppt sich als Täuschung. Kunst als Infragestellung.
Lüers Inszenierung von Raum und Zeit wird von heutigen Mittwoch an auch Frankfurter Passanten am leer geräumten UBS-Gebäude der Deka Immobilien, Stephanstraße 14 -16, rätseln lassen. Bis 27. Februar beleuchten der Wahl-Frankfurter, der vor 38 Jahren an der Ostsee geboren worden ist, und fünf weitere Videokünstler jeden Abend die 24 Meter lange und etwa vier Meter hohe Schaufensterfassade des ehemaligen UBS-Hauses mit ihren Videoprojektionen. "Display" nennt sich das Projekt, das Reinhard Buskies vom Bochumer Kunstverein kuratiert hat.
Jeweils drei Tage lang zeigt ein anderer Künstler seine 100 Quadratmeter füllenden Projektionen. Lüer lässt die platte Wand als Blue Box erscheinen. Als geschlossenen Raum, dessen Wände und Decke komplett mit pyramidenartigen Zacken besetzt ist und wie das Modell einer Oberflächenstruktur anmutet - millionenfach durchs Elektronenmikroskop vergrößert.
Der Berliner Michael John Whelan wiederum lässt durch ein imaginäres Fenster in einen romantischen Wald blicken, in dem eine Frau in weißem Kleid hinter einem Baumstamm verschwindet, oder Juliane Ebner, gleichfalls aus Berlin, wird in Frankfurt mit einem Film aus gemalten, graffitiähnlichen Act-Bildern an die Berliner Mauer erinnern, die vor gut 20 Jahren gefallen ist.
Alle spielen mit Raum, Zeit, Realität und Illusion, sagt Thomas Lüer. "Nur drücken sich ihre Ergebnisse in einer anderen Bildsprache aus. Eigentlich hätte er das nächtlich leuchtende Kunstspektakel gern zehn Wochen lang gezeigt, doch dafür ließ sich nicht genügend Geld auftreiben. Dennoch soll die Kunstausstellung unter freiem Himmel keine Eintagsfliege bleiben, sagt Thomas Lüer. Ähnlich wie das erste V-Kunstfestival im vorigen Frühjar, bei dem sich alle namhaften Galerien in der Fahrgasse zu einem Videokunst-Netzwerk zusammengefunden haben, um unter freiem Himmel aktuelle Strömungen von Video- und Medienkunst zu zeigen, hofft auch Lüer, die nächtlichen Inszenierungen unter freiem Himmel als feste Einrichtung in Frankfurt zu etablieren. Das "Display"-Projekt in der Stephanstraße soll gewissermaßen die Visitenkarte sein, um Freunde und Förderer zu finden, die ein jährliches Videokunst-Projekt unter freiem Himmel finanzieren würden. "Das wäre sowieso auf die sechs Wintermonate begrenzt, weil es dann früh genug dunkel wird, um die Arbeiten zu zeigen."
Vor allem aber: eine zeitgenössische Kunst, mit der sich immer mehr Künstler auseinander setzen, und die dennoch allenfalls in modernen Museen oder bei exklusiven Aktionen unter freiem Himmel ein Publikum findet, weil sich die meisten Galerien auf verkäufliche, wohnzimmerkompatible Bilder und Skulpturen beschränken. Aber Lüer interessiert das breite Publikum. Die zufällige Mischung von Passanten und die direkte Konfrontation im Vorübergehen. Und natürlich - die große Inszenierung, einem "vorgegebenen Ort etwas Neues abzugewinnen, neue Ideen in die Welt zu setzen". Ein durchaus wissenschaftlicher Ansatz - mit dem Unterschied, sagt Lüer, "dass die Kunst behaupten kann, ohne beweisen zu müssen".
Er ist während seines Kunststudiums - Malerei und Installation - in Leipzig auf Videokunst gestoßen. In einer Zeitung las er, dass die stadtgeschichtliche Sammlung im ehemaligen Reichsgericht und späteren Dimitroff-Museum bis zur Zeit des Neubaus ausgelagert ist und der alte Bau nachts von Hunden bewacht wird.
Das war die Initialzündung. Er hängte einem Tier eine Nachtsichtkamera um und ließ es durch die leeren Ausstellungsräume laufen. Ein Film aus einer unwirklichen Zwischenzeit, in der das Alte vergangen, das Neue aber noch nicht greifbar war. Seither arbeitet Lüer mit Video - und seither lässt er sich durch Zeitungen, wissenschaftliche Forschungsberichte und Neuerscheinungen aller Art für neue Kunstwerke inspirieren. Gut dreimal in der Woche trifft man den zweifachen Vater, der nebenbei in Werbeagenturen jobbt und bei Filmprojekten mitarbeitet, beim Stöbern in der Deutschen Nationalbibliothek an der Adickesallee. "Inzwischen sein Hauptarbeitsplatz", sagt Thomas Lüer. Neue Ideen brauchen Inspiration.

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