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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

23. April 2010

Ladies First: Ich Tarzan, Du Jane

 Von Regine Seipel
Flotte Drehung unter Frauen.  Foto: Christoph Boeckheler

Allein unter Frauen: Wie Frauen bei Ladies First mit Frauen tanzen. Von Regine Seipel

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Tarzan verkrampft sich. Seine Jane ist eine Streberin, kleinkarierter Hosenanzug, kurze Haare und ausfallende Schritte. Sie hetzt, dreht zu schnell oder zu früh. Vielleicht tritt Tarzan auch zu langsam von einem Fuß auf den anderen, jedenfalls bewegen sich beide konsequent gegeneinander. Partnerwechsel. Der Hit Bamboleo bringt Tarzan in Schwung. Ohne zu zählen, klappt plötzlich die erste Drehung als Paar, dann macht es Spaß in der Schnupperstunde.

Diereck Dross lobt, egal wie holprig es aussieht. Alle Tarzans und Janes. Das tut er immer, auch bei seinen anderen Kursen, in denen Frauen und Männer für Hochzeiten, zur Ehebelebung, der Gesundheit zuliebe oder aus Spaß an der Freud paarweise kommen, um Gesellschaftstanz zu lernen. Trotzdem ist heute alles anders. Tarzan ist eine Frau, wird beim nächsten Samba zur Jane. Der einzige Mann im Saal ist Tanzlehrer Dross, der in Frankfurt Gesellschaftstanz nur für Frauen unterrichtet. "Ladies First", derzeit ein Nischenangebot, ist ein aufstrebender Markt.

Eine Handvoll Tanzschulen sind es bundesweit schon, die sich seit zwei Jahren auf den wachsenden Bedarf einstellen, sagt Franz Kölsch, Tanzlehrer in Gütersloh, der gar ein Schrittkonzept entwickelt hat, bei dem es keine ausgesprochenen Frauen- und Männerrollen mehr gibt. Beim internationalen Tanzlehrerkongress Ende März in Bochum wurde der Trend vorgestellt und soll Fortbildung beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) werden. Der Grund ist immer der gleiche. "Wir finden keinen Mann" - zum Tanzen wohlgemerkt, denn viele der Frauen, die zu Ladies First kommen, sind verheiratet oder liiert, nur eben mit einem bekennenden Tanzmuffel, der sich auch nach 20 Jahren Drängens, Bittens und Lockens nicht aufs Parkett bewegen ließ.

Roswitha zum Beispiel hat als Teenie die Gelegenheit verpasst und später einen Nichttänzer geheiratet: "Ich musste erst 54 Jahre alt werden, bis ich endlich einen Kurs machen konnte." Was aus der Not geboren war, hat für sie inzwischen einen besonderen Reiz. "Man muss sich hier nicht zusammenreißen, ich habe mich richtig frei gefühlt." Keine Konkurrenz um gute Männer wie in Singlekursen, kein Streit um Schritte mit dem Gatten, den nicht selten auch ein schwelender Paarkonflikt anheizt.

"Die Atmosphäre unter Frauen ist kooperativer", sagt Diereck Dross. Und locker. Gemeinsames Leid verbindet. In der Pause beim Sekt erklingt viel Gelächter, werden Geschichten von Festen ausgetauscht, bei denen Männer zur Biertheke streben und Frauen auf der Tanzfläche ohnehin unter sich bleiben. So stellt sich Tanzlehrer Dross den Unterricht vor. "Wie eine richtig gute Party", sagt er, "nicht wie ein Schrittverkäufer."

Trotzdem lernen seine Frauen fast alle Standardtänze miteinander, nur bei einem ist das starke Geschlecht unersetzlich: Tango Argentino, bei dem der Mann ein Mann bleiben muss, um das Wesen der leidenschaftlichen Bewegungen zum Ausdruck zu bringen. Salsa, Disco Fox oder Cha-Cha-Cha funktionieren auch ohne ihn. Roswitha gab am Anfang lieber den Tarzan, inzwischen schätzt sie es, sich als Jane leiten zu lassen und respektiert die Leistung, die ein Mann beim Führen bringen muss.

Bei Ladies First wechseln Partnerinnen oft und auf Ansage, die Rollen entscheidet jedes Duo spontan, ebenso wie die Distanz. Beim langsamen Walzer zum Beispiel, nächste Lektion in der Schnupperstunde, hält Tarzan seine Jane lieber auf Distanz, während sich manche Paare ohne Scheu Arm in Arm drehen. Der enge Körperkontakt, die Hand auf der Hüfte einer fremden Frau, ist gewöhnungsbedürftig. Es fehlt das erotische Moment, das mit einem passenden Partner das Tanzen beflügeln kann.

Deswegen hat Sybilles Mann auch nichts gegen ihr neues Hobby einzuwenden. Mit 35 zählt die hübsche Blonde zu den Jüngeren im Saal, das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 40. Auf Flirten hat sie keine Lust, was den Tanzmuffel zu Hause beruhigt. "Ich möchte Frauen kennenlernen", sagt die Ernährungsberaterin, Freundinnen, die seit dem Umzug aus Niedersachsen fehlen. Jetzt hat sie Selma getroffen, frisch getrennt, die auch erst mal Unternehmungen mit Frauen neuen Kontaktversuchen vorzieht.

Einige Frauen haben viel und gern mit ihren Männern getanzt. Edith gehört dazu, die seit sechs Jahren Witwe ist und der mit ihren 77 Jahren ansonsten nur der Seniorentanztee bleibt. Oder Dagmar, 70, die ihren Mann beim Tanzen traf. Er ist fünf Jahre älter, hatte zwei Schlaganfälle. Die schlanke Gattin, die mit modischem Stiefeloutfit und jugendlicher Frisur höchstens wie 60 wirkt, amüsiert sich trotzdem - allein unter Frauen.

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