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Lastrad-Rennen: Sieg der Erinnerung

Ein Rennen im Frankfurter Stadtteil Gallus auf historischen Rädern führt zurück in die frühen Jahre der Bundesrepublik. Da gab es das Rennen schon mal. Von Eva Marie Stegmann

Nicht aufs Gewinnen kam es an, sondern auf die Erinnerung.
Nicht aufs Gewinnen kam es an, sondern auf die Erinnerung.
Foto: FR/Schick

Bei dieser Frage muss er nicht lang überlegen. "Verkaufen?" Günter Bürger schaut erst gespielt empört und lacht dann laut los. Ein echter Sammler verkauft nichts, verrät er. Zum Glück. Zum Glück für das Gallus. Was gestern in der Frankenallee auf die Beine gestemmt wurde - ein historisches Rennen auf Geschäftsrädern, ein Schaufahren mit Hochrädern, eine kleine Ausstellung - das ist einzig und allein den Sammlern zu verdanken. Allen voran den Sammlern von Erinnerungen.

Alles fing an mit der Frage eines ehemaligen Lehrers der Paul-Hindemith-Schule. "Wusstet ihr eigentlich, dass es bis in die 50er Jahre hier in der Frankenallee ein Geschäftsradrennen gab?" Nein, wusste keiner. Und so fing er an, zu erzählen: Von den vielen Menschen, der gespannten Atmosphäre, dem Spaß, von den Preisen- Presskopp und Handkäs.

Der Beschluss, dieses Rennen wiederaufleben zu lassen, stand schnell fest. Das Team von der Geschichtswerkstatt recherchierte, überzeugte das Stadtplanungsamt, den Radsportverein RSG und den Beirat Soziale Stadt Gallus von der Idee, trommelte Interessierte zusammen. An dieser Stelle kamen Antiqitätensammler wie Günter Bürger von Zweirad Ganzert ins Spiel. Und Geschäfte wie die Metzgerei Ebert und die Schlosserei Spohner, die eigene Lastenräder besitzen.

Alle versammelten sich am Sonntagmittag auf Höhe der Friedenskirche an der Frankenallee. Bis zur Galluswarte hörte man die Lautsprecheransagen. "Noch eine Runde, die letzte Runde", rief ein Moderator beinahe atemlos ins Mikrofon. Noch fuhr allerdings kein Geschäftsrad, erstmal traten Kinder Jugendliche aus hessischen Radsportvereinen in die Pedale. Am Zelt von Zweirad Ganzert herrschte Hektik.

Mit der Kette des gelben Postrads stimmte etwas nicht. Volker Kirst, seines Zeichens Postbote im Gallus, stand in voller Montur daneben, Helm auf, Gesicht angespannt. Plötzlich klingelte es laut. "Es geht schon los", rief in diesem Moment eine Frau. In Sekundenschnelle richtete Günter Bürger die Ketten. Kaum, dass er die Hand vom gelben Postrad genommen hatte, fuhr Kirst auch schon los. Gerade noch rechtzeitig.

Brot, Post, Fleisch

Während die 16 Fahrer von der U-50 Gruppe, zu der auch Kirst mit seinen 39 Jahren gehörte, ordentlich in die Pedale traten, zeigte Günter Bürger einer Interessierten seine Sammlerstücke - richtig alte Geschäftsräder. "Die wichtigsten Kennzeichen sind der Lastengepäckträger - damit Brot, Post oder Fleisch auch transportiert werden konnten - und das kleinere Vorderrad." Bürger hat historische Räder von DKW, ein Adler-Damenrad aus dem Jahre 1932 und sogar ein Straßenrad mit Holzfelgen von Opel von 1927. Auf der Rennstrecke ging es unterdessen in die letzte Runde. "Hopp-Hopp", riefen die Zuschauer am Rand der Strecke der U-50 Truppe zu. Kirsts Postrad strahlte gelb im vorderen Viertel.

Unter den Jubelnden am Gehsteig befand sich auch Wolfgang Mayer. "Ich hab die Rennen als kleiner Bub schon miterlebt", sagte der 71-Jährige. "Das war damals ein Riesenevent mit Tausenden von Zuschauern." Am Sonntag war weniger los. Trotzdem: "Die Atmosphäre, die Spannung, es ist genau wie früher", freute er sich. Am Ende des Rennens raste Volker Kirst als freudiger Dritter ins Ziel, nicht als Gewinner. Ums Gewinnen ging es aber gar nicht wirklich - sondern ums Erinnern.

Autor:  Eva Marie Stegmann
Datum:  31 | 5 | 2010
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