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Rhein-Main und Hessen
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25. Oktober 2010

Lehrerin Sibylle Hausmanns: „Jedes Kind hat ganz spezielle Fähigkeiten“

Sibylle Hausmanns setzt sich seit 25 Jahren für Integrationsklassen ein.  Foto: Rolf Oeser

Die Lehrerin Sibylle Hausmanns spricht im FR-Interview über die Vorteile des gemeinsamen Unterrichts von Schülern mit und ohne Behinderungen. Drei ihrer vier Kinder haben, obwohl nicht behindert, eine Integrationsklasse besucht.

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Zur Person

Sibylle Hausmanns kämpft seit 25 Jahren dafür, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen und leben können. Drei ihrer vier Kinder haben, obwohl nicht behindert, eine Integrationsklasse besucht. „Ich würde das immer wieder so machen“, sagt die gelernte Gymnasiallehrerin, die sehr bald nach ihrem Studium begann, mit Menschen mit Behinderungen zu arbeiten. Hausmanns (58) ist Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“, die ihren Sitz in Frankfurt hat.

Ihr 25-jähriges Bestehen feiert die LAG „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ am Samstag, 30. Oktober, im Casino des Campus Westend, Grüneburgplatz 1 in Frankfurt. Mit dabei sind Hendrik Nachtsheim von Badesalz, das Atelier Goldstein und viele andere. Die Feier beginnt um 19 Uhr, Karten zum Preis von 25 Euro gibt es unter
benefiz@gemeinsamleben-hessen.de.

Wie lässt sich das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen (Inklusion) in Hessens Schulen umsetzen? Die Frankfurter Rundschau und die LAG laden für Donnerstag, 18. November, zur Debatte über die konkurrierenden Gesetzesentwürfe von Landesregierung, SPD und LAG ein. Die Veranstaltung im Haus der Frankfurter Rundschau, Depot Sachsenhausen, Karl-Gerold-Platz 1, beginnt um 19 Uhr. (pgh)

Frau Hausmanns, Sie kämpfen seit 25 Jahren dafür, dass Kinder mit und ohne Behinderungen dieselbe Klasse besuchen. Warum?

Weil es für die Kinder besser ist, für jene mit Behinderungen und für die anderen ohne.

Sie haben vier Kinder, keines ist behindert. Dennoch arbeiten Sie quasi von Anfang an im Vorstand einer Selbsthilfeorganisation für Eltern von Kindern mit Behinderungen. Wie kommt das?

Das fing damit an, dass mein Sohn eine der ersten Integrationsklassen in Hessen besucht hat, die es damals in Marburg gab.

Wie kam das?

Es war Zufall, dass es das an dem Ort gab, an dem wir wohnten. Mein damaliger Mann und ich haben die Klasse für unseren Sohn gewählt, weil es hieß, dass dort mit Montessori-Methoden gearbeitet werden sollte. Das fanden wir gut und wir hielten das für einen guten Einstieg in die Schule.

War es ein guter Einstieg?

Ja, das war es.

Hatten Sie Angst, dass es für Ihr Kind schwierig in einer solchen Klasse sein könnte?

Wir haben damals die Kinder mit Behinderungen billigend in Kauf genommen. Zuvor hatte ich wenig Kontakt zu Menschen mit Behinderungen. Doch, ein paar Sorgen hatten wir schon. Etwa, ob man vor den Behinderten Angst haben müsste, ob man sich mit ihnen überhaupt verständigen könnte, ob nicht die Klasse darunter leiden würde, wenn es bestimmte Aktivitäten, Ausflüge nicht geben könnte.

Was davon war berechtigt?

Nichts. Die Lehrer gingen auf jedes Kind ganz speziell ein, nach seinen Fähigkeiten. Auf alle Kinder, eben auch die ohne Behinderungen. Für jedes Kind wurden die für es passenden Herausforderungen gesucht. Das war damals alles andere als üblich und ist es ja auch heute noch nicht.

Kinder mit enormen Lernschwierigkeiten sitzen neben anderen, die flugs alles begreifen. Sind nicht die einen schnell überfordert, während sich die anderen schon langweilen?

Ich erzähle mal ein Beispiel, das ich selbst erlebt habe. In der Klasse meines Sohnes ging es ums Messen und Wiegen. Die Lehrerin hatte Gewichte mitgebracht, eine Waage, und sollten die Kinder ausprobieren, wie viele Knäuel Papier genauso schwer sind wie ein Handschuh oder ein paar Bleistifte. Oder wie viele Tassen Wasser einen Liter ergeben. Aufgaben auf der ganz handfesten Begriffsebene waren das.

Und wie lief das ab?

Die einen haben sich damit die ganze Stunde beschäftigt, und andere fingen schon an, daraus Rechenaufgabe zu machen, die sie aufgeschrieben haben, oder herauszufinden, um wie viel schwerer ein Liter Wasser im Verhältnis zu einem Liter Milch ist – und warum. Es gilt die Regel, dass möglichst immer am gleichen Gegenstand gearbeitet wird, aber eben auf unterschiedlichen Niveaus.

Wie hat sich daraus Ihr Engagement in der Elterninitiative Gemeinsam leben – gemeinsam lernen entwickelt?

Wir und andere Eltern wollten, dass alle unsere Kinder gemeinsam in die Schule gehen können, und haben das in aller Naivität vorgetragen und sind auf stärksten politischen Widerstand gestoßen. Kaum jemand in der Politik hat verstanden, wie Eltern so etwas wollen können.

Wie haben Sie das erlebt?

Mein Schlüsselerlebnis war ein Interview mit dem frischgebackenen CDU-Kultusminister Christean Wagner. 1987 sollte die erste Integrationsklasse in Hessen aus der Grundschule in die Sekundarstufe überführt werden, die Gesamtschule in Rüsselsheim war bestens auf alles vorbereitet. Wagner hat das auf den letzten Metern gestoppt und gesagt: Wenn Eltern von nicht behinderten Kindern allen Ernstes wollen, dass ihre Kinder mit geistig Behinderten in die fünfte Klasse gehen, dann gebiete es ihm seine Pflicht als Kultusminister, zum Schutz der Kinder dies zu verhindern, damit sie keinen Schaden nehmen. Die damalige zweite Klasse meines Sohnes hat Wagner einen Brief geschrieben, dass unsere Kinder doch bitte gemeinsam in die fünfte Klasse gehen sollen. Und so fing das an.

Was haben Sie in den 25 Jahren erreicht?

Es gab ja anfangs keinerlei gesetzliche Regelungen für gemeinsamen Unterricht. Ab 1985 entstanden jedes Jahr neue integrative Klassen, weil die Eltern auf den Geschmack gekommen waren. Es gab Schulversuche und in Fachkreisen wurde das auch publiziert. Es waren viele Fachleute und Lehrer auf unserer Seite. In der LAG trafen wir Eltern uns regelmäßig, haben Erfahrungen ausgetauscht, Netzwerke gebildet, uns die Köpfe heiß geredet. Wir hatten die Kinder dabei, die viel miteinander gespielt haben. 1991 hat dann Rot-Grün einen richtigen Schub gebracht.

Was passierte dann?

Es gab hundert neue Lehrerstellen pro Jahr für gemeinsamen Unterricht. Und auch ein Elternwahlrecht, aber immer mit der Einschränkung, dass dafür auch die Mittel zur Verfügung stehen müssten. Von Anfang an wurden jedes Jahr viele Anträge abgelehnt. Aus den 100 Stellen wurden 550, dann kam der Regierungswechsel zur CDU/FDP-Koalition, und bis heute ist es bei 570 Stellen geblieben. Das reicht bei Weitem nicht, um den Bedarf zu decken.

Was nehmen Sie sich für die nächsten 25 Jahre vor?

So lange muss es ja nicht dauern. Es gibt jetzt die UN-Behindertenrechtskonvention, und wir sind überzeugt, dass daraus ein individuelles Recht eines jeden Kindes auf inklusiven Unterricht folgt. Das ist ein Riesenschritt, wir werden nun daran arbeiten, dass dies auch umgesetzt wird.

Was heißt, es gibt ein individuelles Recht?

Das individuelle Recht ändert entscheidend das Denken. Es kann dann nicht mehr von der Haushaltslage abhängen, ob eine Verwaltung ein Kind zum gemeinsamen Unterricht zulässt oder nicht, sondern sie muss diese Möglichkeit schaffen und die angemessenen Vorkehrungen treffen. Dazu gehören bauliche Veränderungen, geeignete Lernmittel, Assistenzkräfte, Lehrer müssen aus- und weitergebildet werden. Die wenigsten haben gelernt, inklusiven Unterricht zu geben.

Wohin soll das führen?

Ziel ist, die Verhältnisse umzukehren, aus derzeit elf Prozent von Kindern im gemeinsamen Unterricht 80, 90 oder mehr Prozent zu machen, wie das in Kanada oder Italien schon Standard ist. Und wir müssen intensiv daran arbeiten, nach der Schule Übergänge in den Beruf zu schaffen. In Frankfurt ist das in einem Modell mit ambulanter Hilfe gelungen.

Was ist mit den Eltern?

Die suchen schon lange nach Alternativen zur Förderschule, aber das war über Jahre eine sehr frustrierende Beschäftigung. Jetzt gibt es Möglichkeiten dafür, und je mehr wir das kommunizieren, desto mutiger werden die Eltern.

Und die Eltern von Kindern ohne Behinderungen – haben die ihre Vorbehalte verloren?

Es gibt und gab heftige Widerstände. Ich verstehe das, Eltern ängstigen sich, ob ihr Kind in der Schule erfolgreich ist, ob es später seinen Platz in der Gesellschaft findet. Aber genau dafür ist die inklusive Schule da: Sie gibt allen Kindern mehr Chancen und sie nimmt den Selektionsdruck weg.

Sind Förderschulen denn immer die schlechtere Alternative?

Die Forschung zeigt gerade für die Schulen für Lernhilfe, dass die Kluft größer wird, je länger die Kinder diese Schulen besuchen. Es gibt auch zu denken, dass die Förderschulen den Auftrag zur Rückschulung haben, aber nur ein Prozent der Förderschüler auf die Regelschule zurückkehrt. Und es gibt zu denken, dass Kinder etwa auf Schulen für Körperbehinderte nur selten einen höheren Schulabschluss erreichen, selbst wenn ihre geistigen Fähigkeiten nicht oder kaum eingeschränkt sind. Wenn man dann noch untersucht, wie Kinder soziale Kontakte pflegen und sich organisieren können, schneiden Kinder – ob mit Förderbedarf oder nicht – aus Integrationsklassen besser ab als andere. Das sind gerade heute ganz entscheidende Fähigkeiten. Ich würde meine Kinder immer wieder dorthin schicken.

Wer soll das denn bezahlen? Integrationsklassen sind teurer als andere.

Da widerspreche ich. Wenn man alle Töpfe betrachtet, ist das eine nicht teurer als das andere. So sieht das aber niemand. Als Steuerzahlerin wünsche ich mir, dass das Geld so eingesetzt wird, dass das beste Ergebnis herauskommt.

Der Übergang aber kostet einiges.

Das stimmt. Man hat übergangsweise zwei Systeme. Und man muss die Schulen fit machen für die neuen Anforderungen, etwa durch Fortbildungen. Deshalb muss man den Übergang sehr gut planen, denn wir können uns nicht unbegrenzt Parallelsysteme leisten.

Interview: Peter Hanack

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