Leopold Sonnemanns Persönlichkeit auf einen Begriff zu bringen, reicht die Sprachkraft von Geschichtsforschern nicht aus. Die neue Ausstellung im Historischen Museum rückt den Juden, den Verleger, den Politiker, den Mäzen Sonnemann (1831 bis 1909) in den Blick. Einen Universalisten also, meinte Jürgen Steen, der die Sonderschau zum 100. Todestag des Gründers der Frankfurter Zeitung verantwortet. Umso weniger mit einem Wort zu charakterisieren.
Steen versuchte es mit "Mentor", dann nannte er Sonnemann "einen Citoyen". Auch die Begriffe "Netzwerker" und "Allrounder" sind bei der Vorstellung gefallen. Nichts will passen. Nur das Urteil über den Mann, der Frankfurt als "eine Oase in der Wüste" (des autoritären Staates Preußen) pries, der diese Stadt "um keinen Preis gegen Berlin vertauschen" wollte, das fällt eindeutig aus.
Die Ausstellung "Frankfurts Demokratische Moderne und Leopold Sonnemann" ist im Historischen Museum am Römerberg vom morgigen 29. Oktober an geöffnet.
Die Schau zum 100. Todestag des jüdischen Verlegers, Politikers und Stifters ist als Koproduktion mit dem Jüdischen Museum enstanden.
Drei Frankfurter Stiftungen haben sich an der Entstehung und Finanzierung beteiligt: die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Georg und Franziska Speyersche Hochschul-Stiftung und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Weitere Förderer: Societäts-Druckerei und Europäische Zentralbank.
Die Ausstellung dauert bis 28. Februar; eine Reihe von Veranstaltungen gehört zum Begleitprogramm. Informationen unter der Internetadresse www.historisches-museum.frankfurt.de
Ohne Leopold Sonnemann, meinte Museumsdirektor Jan Gerchow, wäre Frankfurt der Sprung in die Moderne nicht gelungen. Sein Anteil an der Entwicklung, sein Zugriff, sei sogar höher einzuschätzen als der der Oberbürgermeister Johannes von Miquel (1880 bis 1890) und Franz Adickes (1890 bis 1912). Ein Jude aber konnte eben "nicht Oberbürgermeister werden und ein Demokrat auch nicht" (Steen).
Sonnemann ersetzt durch Hitler
Zum Vergessen hätten dann die nationalsozialistischen Ausgrenzungsgesetze das Ihrige getan: Am Ende des Ausstellungs-Rundgangs hängt ein Foto aus dem Redaktionssaal der Frankfurter Zeitung an der Großen Eschenheimer Gasse - und das Sonnemann-Porträt, welches am Kopfende des Sitzungstisches viele Jahre seinen Platz hatte, ist durch das Konterfei von Adolf Hitler ersetzt.
Wenig später stellte die Zeitung ihr Erscheinen ein, die auf Gestapo-Befehl den Zusatz "begründet von Leopold Sonnemann" im Titel hatte tilgen müssen. So sahen, über die Ausstellung hinaus, die Stadthistoriker die Zeit reif für eine regelrechte Image-Kampagne, in Form einer Postkarten-Serie der Sehenswürdigkeiten, deren Da-Sein auf Sonnemann zurückzuführen sei. Eiserner Steg, Alte Oper, Palmengarten "Er hat zum kulturellen Selbstverständnis der Stadt wesentlich beigetragen", analysierte Kulturdezernent Felix Semmelroth.
Dass Frankfurt eine "Oase in der Wüste" genannt werden konnte, daran hatte dieser autodidaktisch gebildete Bürger, der in einer klassizistischen Villa Taunusanlage 5 zuhause war, also wesentlichen Anteil. Die Ausstellung greift das Bild auf - die Oase steht in Form einer Rotunde im Mittelpunkt. Und da liegen, Jahr für Jahr, die kleinformatigen Notizkalender von Leopold Sonnemann aufgeblättert, die sich im Firmen-Archiv der Societäts-Druckerei gefunden haben.
Erst deutsch, dann jüdisch
Je nach Eintrag werden die verschiedenen Rollen angesprochen, in denen der Mensch und Unternehmer in Frankfurt agierte. Zu seinen kulturellen Wurzeln: "Erst deutsch, dann jüdisch." Als Bankier: "Besuch von G. Speyer. Stiftung 1 Million. Ich Verwaltung." Als Verleger: "Geschäftsführersitzung. Setzmaschinen." Als Abgeordneter: "Stadtverordnetensitzung. Sieg in Sachen Einheitsdenkmal." Oder auch, an einem Sonntag im April, als Wohltäter: "Zeichne 20 M. jährlich für Obdachlosenasyl." Sonnemanns Notizen dienen sodann als Wegweiser in eine prosperierende, wohl gestaltete, überaus aufgeräumte, bürgerliche Stadt. "Tja, alles weg", hörte man einen Stoßseufzer beim Presserundgang.
700 Quadratmeter Raum am Stück, ohne Kabinette oder Nebenräume, nimmt die so reichhaltige wie auch übersichtliche Ausstellung ein - es ist der letzte große Wurf in dem zum Abbruch stehenden Erweiterungsbau des Historischen Museums von 1972.
Ein Abschied auch für Kurator Jürgen Steen, der "kam zur Eröffnung und geht zum Abbruch", stellte Direktor Gerchow fest. In all den Jahren, meinte Steen, sei er "immer wieder auf Sonnemann gestoßen" und habe sich "gewünscht, dem Phänomen auf die Spur zu kommen". Dass sich der aber "an keine Regeln hielt" und "nicht in das Bild von Gesellschaft passte, das damals existierte", ist dem Kurator erst jetzt klar geworden, durch die Notizbücher. In einem finde sich etwa der Vermerk: "Adickes - Reaktionär." Oder auch: "Adickes lädt zum Frühstück ein, ich gehe nicht hin."

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