Avraham Burg ist 1955 geboren, zehn Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Dennoch ist er mit dem Holocaust aufgewachsen. Denn Avraham Burg, der am Montagabend in der Frankfurter Uni war, aber nicht Deutsch sprechen wollte, ist der Sohn von Josef Burg. Und Josef Burg, der ein Deutscher aus Dresden war, floh 1939 vor dem Holocaust nach Israel. "Die Shoa ist in meinem Leben ständig präsent wie ein Rauschen im Ohr" steht in dem Buch, das der Sohn vor zwei Jahren geschrieben hat.
Der Satz steht da nur deshalb auf Deutsch, weil es Avraham Burg doch noch gelang, hier einen Verleger zu finden. "It took me two years to find a publisher, finally Campus publisher found me," stellte er fest.
Campus-Verleger Thomas Carl Schwoerer führte also in den Abend ein. Das eben erschienene Buch heißt "Hitler besiegen" und der Saal im Campus-Casino war so voll, dass einige Besucher auf dem Boden lagerten. Könnte es sich um einen Holocaust-Leugner handeln? Oder hat er sich "den Blickwinkel der Nazis angeeignet", weil er Israel kritisiert? Weil er "die Allgegenwart des Holocaust" als ein Trauma bezeichnet, das es zu überwinden gilt, weil es letztlich den Frieden im Nahen Osten verhindert? Das Fritz Bauer Institut als Veranstalter hatte befürchtet, es könnte Ausschreitungen an dem Abend geben. Aber es blieb ruhig.
Birkenau statt Birkenstock
"Nennen Sie mir einen Tag, an dem der Holocaust nicht in der Zeitung erwähnt wird", verlangte der Autor vom Publikum, Er berichtete von einer Begebenheit, dass jemand Birkenstock-Sandalen kaufen wollte, aber "Birkenau"-Sandalen verlangte. Derartiges wecke beim ihm "das Gefühl, Hitler hat gewonnen". Nach wie vor diktiere doch Hitler "unser Verhalten". Er, der Israeli Burg, sehe sich aber "in der Post-Shoa-Gegenwart" und wolle "eine andere Strategie anbieten".
Avraham Burg wirkt kräftig, stabil, eloquent und humorvoll. "In Wahrheit bin ich sehr aufgeregt", teilte er mit. Er hat an dem Abend in Frankfurt seine Lesereise begonnen, es sei "mein erstes Mal in Deutschland". Dennoch: Er "komme zurück in eine Heimat, die ich nie hatte". Als der Bundestag nach Berlin umgezogen sei, habe er "um den Verlust der Erinnerung an das alte Berlin, an die Oranienburger Straße mit der Synagoge, geweint. Auch beim Schreiben sei ihm bewusst geworden: "Ich habe etwas vermisst." Burg erwähnte Franz Rosenzweig, Martin Buber, Walter Benjamin "ich vermisste diese kulturelle Wurzel". Sein Buch, heißt es darin, sei auch der Versuch, "den Kreis zur Vergangenheit zu schließen, das Leben meiner Familie zu rekonstruieren".

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