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12. Oktober 2009

Lesung: Frankfurter Kampfzone

 Von Wilhelm Roth
Nils Kahnwald verkörpert Kemal Kayankaya. Foto: Schauspiel Frankfurt

Jakob Arjounis Kayankaya-Krimis als szenische Lesungen im Schauspiel. Von Wilhelm Roth

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Privatdetektiv und Türke. Das soll ich glauben?" - "Lassen Sie´s bleiben." Noch mehr hätte sie gestaunt, die junge deutsche Journalistin, wenn sie erfahren hätte, dass Kemal Kayankaya, der türkische Detektiv, Türkisch weder sprechen noch verstehen kann.

Er ist in Deutschland aufgewachsen, steht zwischen den Fronten und Kulturen. Wenn er sich mit der deutschen Polizei anlegt, oder meist: sie mit ihm - dann ist das nicht nur das alte Krimiklischee (Privatdetektiv contra Polizei). Der Konflikt geht tiefer: Kemal ist ein Fremder, auch wenn er perfekt Deutsch spricht oder Frankfurterisch.

Jakob Arjouni 

hat Kemal Kayankaya erfunden, den  türkischen Privatdetektiv, der im Filz am Main ermittelt.
Jakob Arjouni hat Kemal Kayankaya erfunden, den türkischen Privatdetektiv, der im Filz am Main ermittelt.
Foto: dpa

Mit den beiden ersten Kayankaya-Romanen "Happy Birthday, Türke!" und "Mehr Bier", erschienen 1987, brachte Jakob Arjouni, damals erst 23 Jahre alt, einen neuen Ton in den deutschen Kriminalroman. Er schildert die Großstadt, und Frankfurt war dafür prädestiniert: als ein Ort, wo die verschiedenen Gruppen und Nationalitäten, die unterschiedlichen Interessen und Vorurteile aufeinander prallen. Zugleich aber ist Kemal Kayankaya ein alter Bekannter, eine aktualisierte frankfurterisch-türkische Wiedergeburt von Chandlers Philip Marlowe. Auch die Verbrechen sind klassisches Krimirepertoire, auf Frankfurt und die achtziger Jahre zugeschnitten.

In "Happy Birthday, Türke!" wird ein Türke im Frankfurter Bordell- und Drogenmilieu ermordet, in "Mehr Bier" ein Industrieller, die Tat soll einer ökologisch orientierten Gruppe in die Schuhe geschoben werden.

Das Schauspiel Frankfurt präsentiert nun drei Kayankaya-Romane (als dritten den Nachläufer "Kismet" von 2001) als szenische Lesungen in der neuen kleinen, ins Foyer eingebauten Spielstätte Box. Christine Leyerle, Leiterin der Box, hat diese Romane ausgesucht, weil sie einen Bezug zur Stadt haben - mehr noch, zu einem Hauptschauplatz der Krimis, dem Bahnhofsviertel, das ja schon ein paar Meter hinter dem Schauspielhaus beginnt.

Es sind schnelle Produktionen: eine Woche Proben, zwei Aufführungen, Spielzeit 90 Minuten. Nils Kahnwald verkörpert Kemal Kayankaya, außerdem sind jeweils zwei weitere Schauspieler dabei. Die Regisseure wechseln, Jakob Fedler beginnt, dann folgen Christoph Mehler und Clemens Mägde. Durch ihre unterschiedlichen Handschriften sollen die drei Abende verschiedene Stile bekommen.

Auch wenn die Romane bekannten Mustern folgen, haben sie doch eine enorme Frische und Lebendigkeit, denn Arjouni geht frech und souverän mit dem Material um. Der knappe und böse Witz hebt die Klischees auf. Manchmal schreibt Arjouni mit einer Wut im Bauch, etwa über den ekelhaft brutalen Kommissar Kessler, dass einem der Atem stockt. Aber natürlich scheitert Kayankaya, wie eigentlich alle Hard-Boiled-Privatdetektive, er löst zwar die Fälle, aber es wird sich nichts ändern. Der Frankfurter Filz ist zu stark. In "Kismet" erweitert sich dann die Kampfzone, jetzt geht es um einen jugoslawischen Bandenkrieg in der Mainmetropole.

Kein Wunder, dass Kemal ein einsamer Melancholiker ist: "Ich zog die Tür leise zu und schlich durch den stillen Flur aus der Wohnung. Das Treppenhaus war düster und noch vom Tag mit Hitze aufgeladen. Ich steckte mir eine Zigarette an. Während ich die Stufen hinunter stieg, drang aus einer Wohnung ein sanftes Jazz-Saxophon. Ich dachte an ein Mädchen, das ich vor langer Zeit gekannt hatte. Dann kaufte ich bei Madame Obelix eine Flasche Chivas und ging durch die Nacht nach Hause." So endet "Happy Birthday, Türke!"

Tatort Frankfurt, szenische Lesungen: "Happy Birthday, Türke!", 13. und 14.10., 20 Uhr; "Mehr Bier", 27. und 30.10., 20 Uhr; "Kismet", 17.11., 20 Uhr, 18.11., 22 Uhr, Schauspielhaus (Box), Frankfurt, Willy-Brandt-Platz, Telefon: 069/13 40 400

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