Kein Roman also, sondern ein Rap. Reime und Rhythmus. Satz-Kaskaden im Viervierteltakt, zu einem Textband geflochten. Geht das? Das geht. Dorota Masloswka hat "Die Reiherkönigin. Ein Rap" geschrieben oder besser gesagt zusammengereimt als Sinfonische Dichtung über Warschau, das Leben dort und wie falsch es ist.
Dorota Maslowska, das war die mit "Schneeweiß und Russenrot", 2002 erschienen, ein großer Verkaufserfolg und in 13 Sprachen übersetzt. Die Autorin hatte schon vorher geschrieben, war aber nie über mehr als ein paar Seiten hinausgekommen. Bei der Arbeit an "Schneeweiß und Russenrot" habe sich plötzlich ein bestimmter Tonfall in ihrem Kopf eingestellt und dieser Ton habe sie durch den Roman getragen, sagte sie in einem Interview. So sahen das auch Rezensenten und Leser, die verblüfft registrierten, wie die damals 18-Jährige eine eigene Sprachmelodie anstimmte, mit der sie ihren Stoff formte.
Ihr Stoff, das waren wohlstands- und anderweitig verwahrloste junge Leute in der Provinz, die durchs Leben taumeln mit Drogen, Sex und Stumpfsinn. Nichts Aufregendes, aber geadelt durch Maslowskas Sprache. Die Dinge liegen in ihrem Roman hinter einem Schleier, der auch den Blicken der Figuren eigen ist, die zugedröhnt herumhängen. Die Perspektive verengt sich auf einen Tunnelblick, keiner blickt durch, auch der Leser nicht. Dazu schreibt Maslowska zersplitterte Sätze mit Slang-Elementen und persifliertem Werbe-Sprech, im abgehackten Stil der SMS-Generation, mitleidlos Gemeinheit an Gemeinheit reihend.
Auch in "Die Reiherkönigin" macht der Ton die Musik. Mit beachtlichem Durchhaltevermögen rappt sich die Autorin auf 188 Seiten durch den Sound Warschaus, wo alles noch schlimmer ist als in der Provinz. Ihr Sprechgesang erlaubt Zuspitzung, Verknappung und Zynismus. Etwa in der Liebe ("Hallo mal, junges Fräulein, raunzte er, sie dachte, er will Kleingeld für Wodka und Wein, doch nein, das sollte die ersehnte Liebe sein") oder beim beiläufigen Sex ("Sag, ist das vielleicht fair, in einer Jungfrau blutiger Rose die Kippen der eigenen Begierde auszudrücken?").
Der Spaß der Lektüre resultiert aus dem Eintauchen in die zerhäckselten Broken Beats, mit denen Maslowska ihrer Geschichte (Popstar auf dem absteigenden Ast kämpft um seine Karriere) eine Form und ihren Figuren einen Tritt in den Hintern gibt. Ihr Warschau ist verdorben. Kein Sinn, keine Moral, kein Glaube. Stattdessen Medienterror und Tiefkühlfraß, Prasserei und Armut. Dieses Polen-Bild trug der Autorin den wichtigsten Literaturpreis des Landes, aber auch die herzliche Feindschaft der Rechtgläubigen und Nationalkonservativen ein. In ihrem Land, schrieb sie mal, werde "Gott , wahrscheinlich gegen seinen Willen, zum politischen Argument degradiert".
Aber so ist das wohl, wenn die Überbringerin der Botschaft mit der Botschaft verwechselt wird. Maslowska macht sich einen Spaß daraus und taucht gelegentlich selbst in ihrer Geschichte auf - als MC Dorota oder Doris, die "ihr Gequassel als Rap" verkauft. Maslowskas Auftritt in der Centralstation wird ein Hörerlebnis, auch weil er eine musikalische Form bekommt: Sid Peghini rappt zu ihren Text-Vorlagen, Andreas Raab steuert die Beats bei.
Dorota Maslowska liest, 20.11., 19.30 Uhr, Centralstation, Darmstadt, Im Carree, Telefon 06151/3668899

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