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Lesung: Schön war die Zeit

Jochen Schimmang wirft einen epischen Blick zurück auf die Jahre der Bonner Republik. Von Jürgen Lentes

Jochen Schimmang   löste mit  Das Beste, was wir hatten eine  Debatte über die Bonner Republik aus.
Jochen Schimmang löste mit "Das Beste, was wir hatten" eine Debatte über die Bonner Republik aus.
Foto: Veranstalter

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer gab es sie zuhauf: Romane und Autobiografien, Spielfilme und Dokumentationen sowie Talkshows zum Thema DDR und deren Untergang. Dass mit der Wiedervereinigung auch die alte Bonner Republik von der politischen Landkarte verschwand, das wurde geflissentlich übersehen. Jochen Schimmang aber hat darüber einen vielbeachteten Roman geschrieben: "Das Beste, was wir hatten". Erzählt wird darin die Geschichte zweier Freunde, die sich Ende der sechziger Jahre auf einem Bolzplatz in West-Berlin kennenlernen. Leo Münks wird später offiziell für "das Amt" in Köln arbeiten. Der Weg von Gregor Korff, dem linken Carl Schmitt-Experten, führt schließlich nach Bonn, als Politikberater ins Kabinett Kohl.

"Dies ist mein Land, so fern und fremd. Dies ist mein Land, an dem ich Wohlgefallen habe", sagt sich Korff. Beide, Münks wie Korff, lernen das Provisorium des "rheinischen Separatismus" schätzen. Sie richten sich, wenn auch mit ironischer Distanz, ein in der Bonner Republik. Ab 1989 überschlagen sich dann nicht nur die politischen Entwicklungen, sondern auch beider Lebensentwürfe geraten mächtig ins Trudeln.

Dem gelegentlich erhobenen Vorwurf, einen nostalgisch verklärenden Roman geschrieben zu haben, könnte Schimmang so antworten: "1998 verkündete der frisch gewählte Kanzler Schröder mit freudigem Blick nach Berlin, er weine Bonn keine Träne nach. Manche von uns schon. Nostalgie? Nostalgie sind eher die Bemühungen, das alte Berliner Stadtschloss als Fassade wieder aufzubauen und das Große, das Erhabene und das Pathos in die Repräsentation von Politik wieder einzuführen, womit die Sonnenkönige Schröder/Fischer fleißig begonnen hatten. Mehr als Nostalgie, nämlich Ideologie, sind die Bemühungen keineswegs nur der Politik, sondern auch mancher Vor- und Meisterdenker, dieser heutigen Bundesrepublik Deutschland eine neue Traditionslinie zu verpassen, deren Ausgangspunkt sich nicht mehr auf den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus bezieht. Das Bewusstsein, in einem davongekommenen Land zu leben, das in der Bonner Republik immer präsent war, ist geschwunden. Das ist ein Gedächtnisverlust, dessen Folgen noch schwer abzuschätzen sind. Kann also sein, dass meine Schwester Bundesrepublik und ich uns wieder auseinanderleben."

Seit seinem Debüt von 1977, "Der Schöne Vogel Phoenix", ist Schimmang mit seismographischem Spürsinn den persönlichen Befindlichkeiten und politischen Implikationen der (west)deutschen Zustände auf der Spur. "Das Beste, was wir hatten" ist in der langen Reihe seiner außergewöhnlichen Romane und Erzählungen möglicherweise sein Meisterstück geworden.

Schimmangs neues Buch erzählt im großen Bogen von den Jahren 1963 bis 1996, verliert dabei aber nie seine Helden, wie so oft Partisanen und Vaganten, noch die erzählerische Gesamtkomposition aus dem Blick. Schimmang erzählt melancholisch, aber nicht sentimental, mit einem Schuss bitterer Wut, jedoch nie zynisch. "Das Beste, was wir hatten" ist ein großer Zeit- und Gesellschaftsroman über eine verschwundene Republik, der bleiben wird.

Jochen Schimmang liest, 9.2., 20.30 Uhr, Romanfabrik, Frankfurt, Hanauer Landstraße 186, Telefon 069/49084829

Autor:  Jürgen Lentes
Datum:  9 | 2 | 2010
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