Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

23. Mai 2011

Luchse in Hessen: Das Phantom der Wälder

 Von Thomas Witzel
Luchs Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Luchse führen in Hessen meist ein Leben im Verborgenen - doch sie hinterlassen gelegentlich blutige Spuren. Bei den hessischen Vertretern handelt es sich um Einwanderer aus dem Harz.

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Wofür doch eine Überwachungskamera manchmal gut sein kann. Vor gut fünf Jahren, im September 2005, zeichnete ein solches Gerät an einem gesicherten Gebäude in Marburg einen Luchs auf, der mitten in der Nacht, es war 2, 35 Uhr, gelassen und ohne Eile durchs schwarz-weiße Bild lief .

Als dann einen Tag später das gesamte Videoband in der Hessenschau gesendet wird, darf es das ganze Land glauben: Es gibt wieder freilebende Luchse in Hessen. Seither hat sich einiges getan in Sachen Pinselohr in den hiesigen Wäldern

Jüngste „Enttarnung“: In einem Waldgebiet bei Melsungen wurden im Sommer des vergangenen Jahres eine Luchsin und ein fast erwachsenes Jungtier mit einer Video-Kamera gefilmt. Nachdem es bislang nur sogenannte Sichtungen gegeben hatte – Berichte von Zeugen, die Luchse gesehen haben wollen – ist mit den Video-Aufnahmen erstmals ein handfester Nachweis gelungen, dass sich die zurückhaltenden Tiere in Hessen vermehrt haben. Da es eher unwahrscheinlich sei, dass die Luchsin als trächtiges Tier aus einem Tierpark entkommen sei, liege, so ein Sprecher des Arbeitskreises Hessenluchs, der Schluss nahe, dass sich hessische Luchse in freier Wildbahn vermehrten.

Im Werra-Meißner-Kreis gelang erstmals der genetische Nachweis eines Luchses. Das Tier hatte einen Hochsitz zur Wildbeobachtung genutzt und war dann einem verdutzten Jäger auf der Leiter entgegengekommen. Auf der Kanzel fanden sich etliche Haare, die vom Forschungsinstitut Senckenberg als Luchshaare bestätigt wurden.

Dass Begegnungen mit der Großkatzen nicht unbedingt gefährlich sein müssen, bestätigt Gerd Bauer vom Arbeitskreis Hessenluchs: Luchse seien nicht wirklich „scheu“, sondern eher „heimlich“ – also selten zu sehen. Das liege daran, dass die Einzelgänger Reviere von bis zu 400 Quadratkilometer durchstreifen. „Hessische Luchse haben bislang mit dem Menschen keine schlechten Erfahrungen gemacht. Manche nähern sich bis auf 15, 20 Meter. Doch Luchse greifen niemals an, sind stets auf Rückzug eingestellt. Es gibt in der Fachliteratur keinen einzigen Bericht über aggressives Verhalten“. Bauers Fazit: „Wenn man einen Luchs trifft, bleibt man einfach stehen und staunt. Denn die Chance dafür entspricht einem Sechser im Lotto. Oder man geht seiner Wege. Der Luchs macht das sowieso“.

Dass die Wildkatze ohnehin macht, was sie will, dafür sind Negativmeldungen vom Anfang des Jahres der beredte Beweis: Im Söhrewald, nahe Kassel wurden in einem Außengehege sieben Schafe gerissen. Der Schafhalter beklagte sich vor den Kameras des hr bitter darüber, dass die Entschädigungsregelungen des Landes nicht so schnell griffen, wie wenn beispielsweise Wölfe die Herde dezimiert hätten. Luchsrisse müssen erst von Experten bestätigt sein. Im Söhrewald ist das mittlerweile geschehen. Luchsbeauftragter Christian Peter Foet hat es, ebenfalls vor hr-Kameras, bestätigt: Ganz klar Bissspuren eines Luchses.

Gerd Bauer von Hessenluchs räumt die juristische Problematik ein: Es gebe derzeit noch keine formelle Regelung für Verluste bei der Nutztierhaltung, wie etwa jetzt in jenem Wildgatter bei Wattenbach/Söhre. Bislang gelte aber, dass nach Einzelfallprüfung unbürokratisch entschädigt wird. „Eine förmliche Regelung“, so Bauer, „wäre sinnvoll und wird sicher auch kommen.“

Eine solche Regelung hat in Baden-Württemberg und Bayern dafür gesorgt, dass auch Nutztierhalter die Existenz von Luchsen akzeptiert haben“. Allerdings sollten künftig auch die Gatter und Weidezäune den „neuen Bedingungen“ angepasst werden. Gatter bräuchten an der Zaunkrone Elektro-Draht, einragende Äste müssten entfernt werden. Dann stehe einer „friedlichen Koexistenz“ von Nutztieren und großen Beutegreifern nichts im Wege. Das zeige die Praxis in den benachbarten Bundesländern.

Der Naturschutzbund Hessen (NABU) fordert ein Konzept zum Schutz der zurückgekehrten Luchse und Wölfe. Diese Chance der Ansiedlung ehemals ausgerotteter Wildtiere müsse unbedingt genutzt werden, sagte NABU-Biologe Mark Harthun vor einigen Tagen in Wetzlar.

Anders als in älteren Büchern beschrieben, kommt der Luchs mit unserer Kulturlandschaft gut zurecht. Er brauche, so Luchskenner Gerd Bauer, keine undurchdringliche Waldwildnis, sondern meistere sogar Bahnlinien und Autobahnen. Zudem finde er in Hessen eine fast paradiesische Beutedichte. Bauer ist der Überzeugung: „Der Luchs hat gute Chancen, bei uns wieder heimisch zu werden. Langfristig muss die hessische Population aber mit anderen Beständen Kontakt halten können.“ Etwa zu der im Harz, woher sicher ein Teil der Hessenluchse zugewandert sei. Sonst drohe genetische Verarmung. Neue Autobahnen müssten dem Rechnung tragen. Stichwort: mehr Grünbrücken für wandernde Wildarten. Davon profitiere auch das Rotwild.

Ein laut Experten aus dem Harz eingewanderter Luchs ist mittlerweile mehrfach gesehen worden. Zuletzt im November 2010 bei einer Bewegungsjagd des Forstamtes Melsungen. Im Juli 2010 wurde er bereits in diesem Waldareal beobachtet. Und schon Ende März des vergangenen Jahres war er im Wald bei Kehrenbach (Schwalm-Eder-Kreis) einem Spaziergänger begegnet, dem er sich bis auf 15 Meter näherte. Der Mann berichtete, er habe das Tier mit ruhiger Stimme angesprochen. Der Luchs habe eine Weile „zugehört“ und sei dann in aller Ruhe seiner Wege gegangen.

Die Begegnung bei Kehrenbach macht deutlich, dass ein wildlebender Luchs keineswegs scheu sein muss. Zumindest einzelne Tiere entscheiden offenbar ganz individuell, ob sie sich dem Menschen zeigen oder nicht.

In den letzten Schneetagen des vergangenen Februars wurde der Nahbereich des Luchses mehrmals aufgesucht und seine Fährte untersucht. Dabei zeigte sich, dass das Luchsmännchen seine „Ranzzeit“ (Paarungszeit) nicht alleine verbracht hatte. Neben seinen Trittsiegeln verlief eine zweite Fährte, deren Abdrücke etwas zierlicher waren. Näheres, so die Tierschützer von Hessenluchs in ihrem monatlichen Bericht, „verbietet die Diskretion“.

Weitere Informationen zu den Luchsen in Hessen bekommt man unter www.bund-hessen.de und bei Gerd Bauer unter gerdbauer33@aol.com.

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