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Manga-Messe in Kassel: Nicht von dieser Welt

Volle Brüste, enge Blusen, knappe Röcke. Das ist oft die Definition von Manga. Aber manche Besucher der "Connichi" in Kassel sehen das anders. Für sie sind die Comics hohe Kultur. Von Joachim F. Tornau

Mangafans vor der Stadthalle in Kassel.
Mangafans vor der Stadthalle in Kassel.
Foto: dpa

Es sind bizarre Gesprächsfetzen aufzuschnappen. "Du hast", fragt eine junge Frau, "nicht zufällig Klebstoff dabei? Mein Flügel ist ab." Und zwei Jungs unterhalten sich: "Wie willst du dich dann gegen Alligatoren verteidigen?" - "So gesehen relativ eigentlich gar nicht." Aha.

Doch man müsste blind sein, wenn man sich über derlei Sätze wirklich wundern wollte. Denn die, die sie sprechen, sehen auch nicht aus wie von dieser Welt: Zum siebten Mal trafen sich am Wochenende Fans japanischer Comics und Animationsfilme zur Manga-Convention "Connichi" in Kassel.

Manga & Mehr

Seit 2003 findet die Connichi alljährlich in Kassel statt. Mit 15.000 Besuchern gab es dieses Jahr einen neuen Rekord.

80 Aussteller bieten auf der Messe japanische Manga-Comics, Filme, Spiele und Accessoires feil.

Auf dem Programm stehen aber auch Zeichenwettbewerbe, Workshops wie "Japanisch für Anfänger", Diskussionsrunden über Raubkopien oder Konzerte mit japanischen Rockbands. (jft )

Und von den gut 15.000 überwiegend jugendlichen Gästen, die den Weg nach Nordhessen fanden, kam nur ein Fünftel als "Zivile", wie Connichi-Sprecherin Janina Meyer schätzt. Der Rest sind sogenannte Cosplayer, die für das Treffen in die Rolle ihrer Lieblingshelden schlüpfen - und in oft aufwendig geschneiderte Kostüme. Spitze Ohren, bunte Haare, knappe Kleider, monströse Waffen. Ein Wolf mit Schürze und Schwert versucht, sich Mineralwasser in die Schnauze zu füllen. Grell gewandete Wesen tragen amorphe Plüschtiere unter dem Arm.

Und irgendwo taucht plötzlich Captain Jack Sparrow, der paddelige Pirat aus dem "Fluch der Karibik", auf. "Es sind jetzt auch Figuren aus Realfilmen dazu gekommen", sagt Naraku Brock. "Man macht´s so, wie man´s halt machen möchte." Sie selbst, erläutert die 22-jährige Goldschmiedin aus Pforzheim, sei heute die "Göttin der Schmiede" aus der japanischen Mythologie. "Und morgen mache ich eine Art Geisterkrieger." Das Göttinnen-Outfit ist eines von 70 Kostümen, die sie sich schon geschaffen hat. Einen Monat habe es gedauert und 150 Euro gekostet, erzählt sie, ehe das weiß-güldene Kostüm mit riesigen Engelsflügeln, bestickter Schleppe, mächtigem Göttinnenschwert und viel nackter Haut fertig war. "In diesem Hobby steckt alles drin", sagt die junge Frau. "Man muss Make-Up-Spezialist, Frisör, Schneider und Designer zugleich sein."

Verkleidet und in Pose

Und man steht im Mittelpunkt: Wer besonders mutig ist, kann sich bei Cosplay-Wettbewerben sogar auf die große Bühne im prallvollen Saal der Kasseler Stadthalle wagen. Doch auch sonst gilt: Es geht um sehen und gesehen werden, um fotografieren und fotografiert werden - ununterbrochen klicken Kameras, werfen sich die lebendig gewordenen Comic-Figuren in Pose. Rund hundert Mal, sagt Jana Alte aus Mansfeld, sei sie heute wohl schon geknipst worden.

Die 19-Jährige trägt ein Gewehr, das sie um Haupteslänge überragt, rote Haare, eine orangegetönte Sonnenbrille und sonst nicht viel: Yoko aus der Serie "Tengen Toppa Gurren-Lagann". "Ich fand den Charakter faszinierend", erklärt die Schülerin etwas schüchtern, warum sie die extrovertierte Amazone sein wollte. "Sie ist so tough und trotzdem so hübsch."

Im Park neben der Stadthalle tummeln sich Cosplayer wie sie zu Hunderten. Helga Werner geht hierhin sonst zum Lesen. Jetzt ist die 90-Jährige gekommen, um zu staunen. "Irgendwie ein bisschen verrückt ist das alles", meint sie. "Die Fantasie hat hier alle Grenzen gesprengt." Doch der rüstigen Rentnerin gefällt das Spektakel. Nur warum sich manche Dicke so anzögen, dass sie noch dicker aussähen - nein, sagt sie, das verstehe sie nicht.

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  19 | 9 | 2009
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