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Marburg: Kapital nagt am Denkmal

Das älteste Haus des Marburger Nordviertels muss den Bauplänen eines Milliardärs weichen: Dabei stand das Gebäude aus der Gründerzeit bis zum Sommer unter Denkmalschutz. Von Gesa Coordes

Stück für Stück wird das 134 Jahre alte Haus abgetragen, Teile der Fassade  werden  in das geplante Congresszentrum integriert.
Stück für Stück wird das 134 Jahre alte Haus abgetragen, Teile der Fassade werden in das geplante Congresszentrum integriert.
Foto: Wegst/FR

Für Georg Fülberth von der Marburger Linken ist der Abriss des ältesten Hauses im Nordviertel der Universitätsstadt ein Fall von vorauseilendem Gehorsam: "In Marburg regiert das Kapital", sagt der Stadtverordnete. Das Haus fällt nämlich den Bauplänen von Marburgs einzigem Milliardär zum Opfer.

Doch der Reihe nach: Reinfried Pohl, Gründer der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), wichtiger Gewerbesteuerzahler und Marburgs größter Mäzen, plant ein Projekt, mit dem das Gewerbeviertel in der Nähe des Bahnhofs einen völlig neuen Charakter erhalten wird. Der 81-jährige Unternehmer investiert 45 Millionen Euro, um zwei große Glas-Stahl-Bauten zu errichten - einen viergeschossigen, 57 Meter langen Bau mit abgerundeten Ecken als neuen Firmensitz der Holding und ein dreieckiges Informations- und Congresszentrum. Dort sollen sich in Zukunft jedes Jahr bis zu 50.000 Vermögensberater weiterbilden. Zu dem Zentrum gehört ein Firmenmuseum, ein Ballsaal für 400 Personen, ein Museumscafé und eine Glaskuppel mit einer Spannweite von 27 Metern. Die meisten Häuser auf dem Areal zwischen dem ebenfalls zur DVAG gehörenden Fünf-Sterne-Hotel Vila Vita und der Bahnhofstraße sind bereits der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Jetzt nagen die Bauarbeiter auch an der Rosenstraße 9. Das dreistöckige Haus aus rotem und beigem Sandstein hat bereits kein Dach mehr.

Dabei stand das Gebäude aus der Gründerzeit bis zum Sommer unter Denkmalschutz. Es wurde 1876 von Bauunternehmer Johann Georg Heres in klassizistischer Form und reichem Terrakotta-Dekor als Visitenkarte des Erbauers errichtet. Der Türeingang erinnert an einen antiken Tempel. Säulen und Ornamente schmücken die Fassade. Der spätere Generaldirektor der Staatlichen Museen von Berlin, Ludwig Justi, wuchs hier auf.

Ursprünglich hatte der Bauherr der Stadt zugesagt, das Wohngebäude in den Neubau zu integrieren. Doch dann kam der Statiker der DVAG zu dem Schluss, dass das Haus baufälliger als ursprünglich angenommen sei. Zum Congresszentrum gehört nämlich eine große Tiefgarage, die bis unter das alte Haus reicht. Das Gebäude könnte in die Baugrube stürzen, erläutert der Marburger Bürgermeister Franz Kahle (Grüne).

Dass die Statik wirklich so wackelig ist, bezweifelt Claus Schreiner von der Initiativgruppe Marburger Stadtbild. Und auch Fülberth ist sich sicher: "Das ist technisch zu machen. Das ist nur teurer." Doch die Stadt wog die Interessen ab. Und kam zu dem Ergebnis, dass die Investitionen im Nordviertel so wichtig sind, dass der Sandsteinbau weichen müsse. "Das ist eine große stadtgestalterische Chance", erklärt Bürgermeister Kahle. Das Gebäude verschwand von der Denkmalliste. Und selbst Landesdenkmalpfleger Udo Baumann stimmte zu, weil das Bauvolumen wichtiger sei als das alte Haus. Der Abrissantrag wurde genehmigt.

Nun werden nur noch einige Fassadenteile - dazu gehören die Säulen und die Terrakotta-Ornamente aus der Frontseite - in das Congresszentrum integriert. Dazu müssen Steinmetze das Haus Stück für Stück abtragen. Dies sei sehr aufwändig, betont der Bürgermeister: "Damit bleibt das Gebäude als Zitat erhalten."

"Das ist nur Fassadentourismus", sagt dagegen Claus Schreiner von der Initiativgruppe Marburger Stadtbild: "Manchen Bauherren wird in Marburg alles nachgeschmissen", schimpft er.

Akteneinsichtsausschuss tagt

Auch Fülberth ist sich sicher: "Man wollte Pohl einen Gefallen tun." Dass der Unternehmer dazu überhaupt Druck ausüben musste, glaubt er allerdings nicht: "Das gehorsame Gescherr ist zuweilen schlimmer als der Herr", meint Fülberth. Schließlich ist Pohl der wichtigste Mäzen der Stadt: Gerade hat er eine Stiftung eingerichtet, die Krebskranken helfen will. Er finanziert eine Dozentenstelle, eine Professur, eine Forschungsstelle und ein Zentrum für medizinische Lehre. Zudem sorgt er für Gewerbesteuern von acht bis zehn Millionen Euro pro Jahr.

Debattiert wird dies nun alles in einem auf Antrag der Linken eingerichteten Akteneinsichtsausschuss. Am 11. Februar wird er erstmals tagen. Am Abriss des alten Hauses ändert das nichts mehr.

Autor:  Gesa Coordes
Datum:  19 | 1 | 2010
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