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Marschieren für die Medizin: 2000 Hospital-Angestellte protestieren

Über 2000 Beschäftigte aus süd- und mittelhessischen Krankenhäusern und Altenheimen protestierten am Mittwoch in Frankfurt für bessere Arbeitsbedingungen. Von Frederike Tinnappel

Wollen die Krise nicht ausbaden: Krankenschwestern, Azubis  und Altenpfleger  demonstrieren auf dem  Römerberg.
Wollen die Krise nicht ausbaden: Krankenschwestern, Azubis und Altenpfleger demonstrieren auf dem Römerberg.
Foto: Christoph Boeckheeler (2)

Der Lärm der Trillerpfeifen vor der Geschäftsstelle des kommunalen Arbeitgeberverbandes ist ohrenbetäubend. Die Polizei hat die Straße Allerheiligentor gesperrt. Über 2000 Beschäftigte aus süd- und mittelhessischen Krankenhäusern und Altenheimen haben sich eingefunden und werden von Verdi-Sekretär Georg Schulze-Ziehaus begrüßt: "Herzlich willkommen in Frankfurt."

Trotz des widrigen Wetters und der schwierigen Verkehrssituation haben sie hergefunden. Die Demonstranten kommen aus Fulda, Gießen, Marburg, Herborn, Limburg, Offenbach, Hanau, Offenbach, dem städtischen Krankenhaus in Frankfurt-Höchst, der orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim.

Schwester Olga arbeitet seit 1967 im Friedrichsheim. "Die Arbeitsbedingungen sind immer schlimmer geworden", sagt die 61-Jährige. "Für die gleiche Bezahlung wird immer mehr verlangt." Wie den anderen Streikteilnehmern geht es Olga Urankar nicht nur um mehr Geld, sondern auch um die Anerkennung ihrer Leistung.

"Wir haben gesehen, wie die Krise den Staat an den Abgrund gebracht hat, wie plötzlich Milliarden an Steuergeldern ausgegeben wurden", das ist immer wieder zu hören. Und nun werde ihnen von den Arbeitgebern gesagt, für den öffentlichen Dienst sei kein Geld da.

Ein Vierteljahrhundert hat Andreas Volkert (47) als Altenpfleger gearbeitet. "Was die Banken alles zerbröselt haben", Volkert, der in einer Einrichtung des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe beschäftigt ist, schüttelt den Kopf: "Und nun sollen wir das ausbaden." Die Nachricht der Frankfurter Oberbürgermeisterin und Städtetags-Präsidentin Petra Roth (CDU), dass viele Gemeinden vor dem Kollaps stünden, pariert Volkert mit der Bemerkung, dass jetzt "eigentlich die Banken den Städten Geld geben müssten".

Marcus Limprecht-Heusner (21) aus Marburg ist an diesem Tag von Kopf bis Fuß auf Verdi eingestellt: Ein roter Verdi-Stempel auf der Wange, ein Verdi-Fähnchen in der Hand, ein Button an der Mütze und das gelbe Azubi-T-Shirt. Gelb signalisiert: Der Träger ist noch in der Ausbildung. 867 Euro brutto verdient Limprecht-Heusner im zweiten Ausbildungsjahr zum Krankenpfleger. Verdi fordert 100 Euro mehr für die Azubis - vor allem aber eine Übernahme-Garantie: "Ohne uns würde der Betrieb im Krankenhaus zusammenbrechen. Vor allem an den Wochenenden."

Wegen der hohen Arbeitsbelastung und schlechten Bezahlung denkt der junge Mann darüber nach, den Beruf zu wechseln. Er möchte aber "in der Medizin bleiben". Das Medizin-Studium wäre eine Möglichkeit. Er weiß, dass die Arbeitsbedingungen für Ärzte auch nicht rosig sind. "Vielleicht ins Ausland gehen", überlegt er laut. Aber das wäre den deutschen Steuerzahlern gegenüber, die ja für die Ausbildung aufkommen, nicht fair.

Die Trommeln im Hintergrund werden lauter, der Zug setzt sich in Bewegung, die Azubis mit ihren gelben Shirts marschieren ganz vorne.

Am Vormittag ist der Römerberg noch ein fast einsamer Ort. Martin Heck (44) von der AWO Hessen Süd ist heute nicht im Streik. Im Gegenteil: Er ist für die Verpflegung der Demonstranten zuständig. Es gibt Erbsensuppe und Tee, "damit die bei dem Wetter was Warmes haben". Auch wenn er heute im Dienst ist, steht Heck voll hinter den Forderungen der Gewerkschaft. "Die schlechte Bezahlung, die große Belastung, der Stress. " Der würde sich auch auf die Familie auswirken.

Über die Berliner Straße nähert sich der Demonstrationszug. Zwei junge Frauen erinnern sich, dass es noch etwas anders gibt als die Tarifrunde und büchsen kurz aus der Formation aus, um sich die Hochzeitskleider in einem Schaufenster anzusehen.

Rot-weißen Verdi-Fahnen, Trillerpfeifen und Trommeln - die Demonstranten nähern sich dem Römerberg. Die Ansagen aus dem Lautsprecherwagen sind schwer verständlich. Mal ist von den "Steuer- und Einkommensprivilegien weniger" die Rede, dann wird gemeldet, dass Krankenschwestern heute "25 Prozent mehr Patienten" versorgen müssten als vor zehn Jahren.

Schnell sind die Tische von Martin Heck umlagert, findet die Erbsensuppe dankbare Abnehmer. Der hessische Verdi-Chef Jürgen Bothner wirft den Arbeitgebern vor, dass sie kein Angebot vorlegen wollen. So könne man mit Arbeitnehmern nicht umspringen. Da sei der Arbeitskampf die richtige Antwort.

Fortsetzung folgt: Am morgigen Freitag sind auch die Verkehrsbetriebe und die Kindertagesstätten zum Warnstreik aufgerufen.

Autor:  Friederike Tinnappel
Datum:  4 | 2 | 2010
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