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Mein Schreibtisch: In eigener Form

Wie der Philosoph Martin Seel über Theorien und Praxis nachdenkt

Martin Seel
Martin Seel
Foto: Andreas Arnold (2)

Mit den Aphorismen geht das nicht so ohne weiteres. Da könne man sich nicht einfach an den elegant geschwungenen Computer setzen, um seine literarischen und philosohpischen Versuche zu machen. Und doch ist Martin Seel ausgesprochen zufrieden, sich an diese Gattung gewagt zu haben, mit "Theorien" eine Sammlung von Reflexionen zur Selbstverständigung der Menschen vorgelegt zu haben. Ein Versuch jenseits des klassischen Philosophierens, ein Experiment, das Seel bis heute reizvoll findet. Seitdem steht für ihn außer Frage: Die nächsten Bücher, "mindestens drei", der er gegenwärtig bereits im Kopf habe, die werde er in den kommenden Jahren als jeweils eigene Form probieren.

Schließlich "kennt die Philosophie ganz viele Formen", sagt der 55-Jährige. Das müsse ja nicht immer die große Abhandlung sein. Seel verweist auf Ludwig Wittgenstein, der für ihn der wohl größte Philosoph im vergangenen Jahrhundert gewesen ist. In seinen frühen Jahren, berichtet der in Ludwigshafen aufgewachsene Denker in vor allem ästhetischen Kategorien, sei Theodor W. Adorno "mein jugendlicher Held" gewesen, mit Adorno habe er "mit das Philosophieren gelernt". Deswegen sei es auch "ein wirklicher Glücksfall", vor fünf Jahren nach Frankfurt am Main auf einen Lehrstuhl an der Goethe-Universität berufen zu werden.

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Die Krise des Überblicks, 37. Römerberggespräche, Samstag, 21. November, 10 Uhr, Chagallsaal des Frankfurter Schauspiels, der Eintritt ist frei.

Dort, im zweiten Stock des IG Farbenhauses, steht sein schlichter Schreibtisch. Seel blickt von seinem Arbeitsplatz aus auf die Skyline. Eine Stadt, so recht nach seinem Geschmack: "Lebendig, vital und auch human." Ein wichtiger Zusatz, nicht nur in diesen Zeiten, in denen er sich an der Seite von Axel Honneth mit Peter Sloterdijk rumschlagen muss.

Seel wohnt mit seiner Frau in Heidelberg. 52 Minuten bis Frankfurt, weiß er nur zu gut, 52 Minuten mit dem Zug. Das Laptop hat er immer dabei. Daher sei der Großraum des Intercitys für ihn nichts anderes als "ein zweites Wohnzimmer", in dem er an seinen Texten arbeitet.

Am universitären Schreibtisch hat er dagegen vornehmlich Verwaltungsaufgaben abzuarbeiten. Und kann gelegentlich einen Moment lang innehalten, um sich mit dem Blick auf das Kunstwerk oberhalb seines Schreibtisches an alte Zeiten zu erinnern. Gerade vier Jahre alt sei sein Sohn gewesen, als er dieses, mit großem Pinselstrich der Abstraktion verpflichtete Werk fertigte. Seit nunmehr 16 Jahren nimmt Seel dieses Bild von einem Lehrstuhl zum anderen mit.

Jetzt hängt es also im IG Farbenhaus. Dort will Seel bleiben. Demnächst bietet der jungenhaft wirkende Denker seinen Studenten ein Seminar über Filme zum Irak-Krieg an. Ein Sujet, von dem er glaubt, das sich "die Studenten da auskennen". Einstweilen aber sehen die sich mit den "Theorien" konfrontiert, einem Werk, das gut nachgefragt wird, in der Stadt jede Menge Gesprächsstoff liefert und für Seel selbst "ein größeres Vergnügen" ist.

Gegenwärtig muss die Arbeit am nächsten Werk etwas zurückstehen. Momentan sitzt Seel auf den Fahrten nach und von Frankurt an einem Vortrag, den er am nächsten Samstag im Chagall-Saal des Schauspiels bei den Römerberggesprächen halten will. Das Thema ist: "Die Krise der Übersicht", dann geht es nach den Vorstellungen des Kuratorums der Römerberggespräche darum, wer in der Krise eigentlich in der Lage ist, Wegweisungen vorzunehmen. Seel schmunzelt, offen gestanden, sagt er, habe er Zweifel, ob sich dieser Titel eigentlich halte lasse oder nicht eher ein dickes Fragezeichen brauche. Denn sonst, setzt er hinzu, könnte der Eindruck entstehen, in früheren Zeiten habe mal jemand den Überblick gehabt.

Autor:  Matthias Arning
Datum:  14 | 11 | 2009
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