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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

28. Juni 2011

Missbrauch: Schwanger vom Lehrer

 Von Peter Hanack
Elisa war jahrelang in psychologischer Behandlung.  Foto: dpa

Sie war 14, als sie von ihrem Sportlehrer schwanger wurde. Eine Lehrerin begleitete sie zur Abtreibung. Und der Schulleiter wusste Bescheid. Doch Konsequenzen hat das für alle drei nicht - nur für Elisa.

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Es gehe ihr gut, sagt Elisa*. Sie ist etwas verschnupft. „Nur ein wenig Erkältung“, sagt sie. „Das ist nichts.“ Zum Gespräch in der Kanzlei ihrer Anwältin hat sie ihre Mutter mitgebracht. Vor gut einem Jahr haben wir hier schon einmal beisammen gesessen. Damals hat Elisa ihre Geschichte erzählt. Stockend zuerst, dann immer flüssiger, bis sie gar nicht mehr aufhören konnte zu reden. Stundenlang. Bis alles raus war. Nach 15 quälenden Jahren voller Alpträume und Depressionen, immer verfolgt von der Angst, „er“ könne unvermittelt vor ihr stehen.**

Der Name des Mannes, der ihr erster Mann war, von dem sie schwanger wurde, mit 14, der sie zur Abtreibung drängte, von dem sie nicht loskam, der sie verfolgte, sie über Monate hin bedrohte – der Name des Mannes, der ihr Sportlehrer war, kam ihr damals nicht über die Lippen. Er war im Wortsinn der Unaussprechliche. „Heute“, sagt sie, „habe ich endlich keine Angst mehr.“

„Ich wollte, dass er nie mehr unterrichtet“, sagt Elisa. Deshalb hat sie ihre Geschichte erzählt. 15 Jahre brauchte sie, bis sie dazu fähig war. Sie kam zu spät. Ralf S. ist mittlerweile über 60. Das, was er tat, was Elisa beweisen kann, ist verjährt. Seit Anfang vergangenen Jahres stand er nicht mehr vor einer Klasse, seit März 2010 gilt er als dienstunfähig.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, die aufgrund der Veröffentlichung in der Frankfurter Rundschau aufgenommen wurden, sind mittlerweile wieder eingestellt.

„Ich hätte beweisen müssen, dass er mich vergewaltigt hat“, sagt Elisa. Vor Gericht hätte Aussage gegen Aussage gestanden. „Ich habe lange überlegt, was das heißen würde“, sagt sie. In die Öffentlichkeit gehen, alles noch mal erzählen, noch mal durchleben, der Berichterstattung ausgeliefert sein, mit vollem Namen – Ausgang ungewiss. „Ich habe jetzt entschieden, dass das für mich nicht in Frage kommt.“

Als Elisa ihre Geschichte erzählte, war Ralf S., ihr Peiniger, seit einigen Monaten zu krank, um noch zu unterrichten. Einige Zeit, nachdem sich Elisa endlich von ihm hatte lösen können, hatte er die Schule gewechselt. Dort unterrichtete er weiter, als sei nichts gewesen. Unterwies Mädchen in Turnübungen, die Schülerinnen waren 14 Jahre alt oder 15, wie Elisa damals. Fuhr mit ihnen zu Wettkämpfen, auf Schulausflüge, wie er es mit Elisa getan hatte. In seiner Personalakte stand kein Wort davon, dass er in seinem früheren Leben eine Schutzbefohlene zu seiner Geliebten gemacht hatte. Dass er als Lehrer so furchtbar versagt hatte, wie ein Lehrer es nur kann.

Auch das Staatliche Schulamt hatte wie die Staatsanwaltschaft auf Elisas Geschichte in der Frankfurter Rundschau reagiert, ein disziplinarrechtliches Verfahren eingeleitet. „Wir haben sehr sorgfältig geprüft und abgewogen“, sagt die für den Fall zuständige Sachbearbeiterin. „Wir werden der Entscheidung der Staatsanwaltschaft folgen und das Verfahren ebenfalls einstellen.“ Um Ralf S. noch belangen zu können, hätte man ihm eine Vergewaltigung nachweisen müssen.

Das hätte ihn seine Altersbezüge gekostet. Oder er hätte erneut Schutzbefohlene missbrauchen müssen. Aktenkundig ist davon nichts. Inzwischen sei er so krank, dass seine Anwältin davon ausgehe, ihr Mandat sei nicht mehr verhandlungsfähig, sagt die Sachbearbeiterin.

Das letzte Wort in der Angelegenheit hat das Kultusministerium. Bis zum 30. Juni muss es dem Vorschlag des Staatlichen Schulamts auf Einstellung des Verfahrens entweder folgen oder ihm widersprechen. Akzeptiert das Ministerium, geht Ralf S. straffrei aus. Er erhält noch nicht einmal eine Rüge. Als wäre nie etwas passiert.

Auch für die anderen Beteiligten am Missbrauch Elisas bleibt ihr Tun und Unterlassen folgenlos. Schulleiter H. war früh über die Beziehung seines Sportlehrers mit der 14 Jahre alten Schülerin informiert, wusste von der Schwangerschaft und der Abtreibung. Er veranlasste, dass Ralf S. ein paar Monate später möglichst unauffällig in einen anderen Schulamtsbezirk wechselte. Ein Disziplinarverfahren gegen ihn leitete er nicht ein. Auch Elisas Familie informierte er nicht, weil sie sich davor fürchtete. H. ist seit Jahren im Ruhestand.

Es war Frau G., eine Lehrerin an Elisas Schule, die sie zur Abtreibung begleitete. Auch sie erzählte den Eltern nichts, meldete das Unfassbare nicht der Schulaufsicht. Alles blieb unter dem Deckel. G. unterrichtet noch heute an Elisas damaliger Schule.

„Wir werden gegen Frau G. und Herrn H. keine Maßnahmen ergreifen“, erklärt die Sachbearbeiterin des Staatlichen Schulamts, die für Elisas frühere Schule zuständig ist. „Wenn das Disziplinarverfahren gegen Ralf S. eingestellt wird, dann schließen wir uns daran mittelbar an“, sagt sie. Getreu dem Grundsatz: Die mittelbar Beteiligten dürfen nicht härter angegangen werden als der unmittelbar Beschuldigte.

Und Elisa? Sie arbeite sehr viel, erzählt sie, hat eine neue Stelle angetreten, unbefristet. Im Ausland. Mehr will sie nicht preisgeben.

Noch immer liegt ihr viel daran, unerkannt zu bleiben. Auch will sie weiterhin als „Elisa“ zitiert werden. Wir haben uns daran gewöhnt, jeder Kontakt, jede Korrespondenz läuft unter diesem Synonym. Wenn sie redet, ist „er“ nicht mehr tabu, sie spricht seinen Namen aus, ganz selbstverständlich. Ralf S. hat für Elisa seinen Schrecken verloren.

Dass er jetzt zu krank ist, um sich zu verantworten, dass er nicht mehr zur Rechenschaft gezogen wird, weil das, was geschehen und bewiesen ist, verjährt ist – kann sie damit leben? „Ja“, sagt sie, aber es ist ein Ja mit Einschränkungen. Ihre Wut und Enttäuschung über die Untätigkeit der Schulaufsichtsbehörden sei unglaublich groß, berichtet sie. Man wolle dort offenbar nicht an den Dingen rühren, verkenne bewusst die Sach- und Rechtslage. „Ich aber“, sagt sie, „muss nicht mit dieser Schuld leben, die die Entscheidungsträger von heute auf sich laden.“

Hat es sich dennoch gelohnt, ihre Geschichte zu erzählen? „Ich war sehr erleichtert, als der Artikel damals endlich in der Zeitung stand“, sagt sie. „Ein paar Tage später habe ich meinen alten Schulleiter angerufen, das hat ihn ziemlich verunsichert. Er freue sich, dass sich nun alles aufkläre, schließlich habe ihn alles doch sehr belastet, hat er gesagt.“ Geglaubt habe sie ihm nicht, er habe sich aber dann doch noch entschuldigt.

Auch in ihrer einstigen Schule war sie. Die heutige Schulleiterin hatte einen Brief an ihre Eltern geschrieben, den Kontakt zu Elisa gesucht, um sich für das Geschehene zu entschuldigen, wie sie mitteilte. „Ich bin also in die Schule gegangen, und dann war ich dort, in der Schule, in ihrem Zimmer. Es sieht da alles ein bisschen anders aus, aber man findet sich noch zurecht. Ich ging einfach rein und sie hat geguckt, als würde sie ein Gespenst sehen. Sie bat mich dann schnell herein, sagte aber gleich, dass sie gar keine Zeit habe, gleich weg müsse, aber ein andermal gerne. Sie packte dann schnell ihre Sachen, schob mich zur Tür raus, ich solle einen Termin machen, und rannte weg. Ich bin da nicht mehr hin. Wozu auch?“

Gab es Reaktionen nach der Veröffentlichung? Anfeindungen, Solidaritätsbekundungen von Nachbarn oder Freunden, die Elisas Geschichte wiedererkannten, trotz aller Anonymisierung? Nein, sagt ihre Mutter, keine zerstochenen Reifen, niemand hat reagiet, weder positiv noch negativ. „Ein paar Freunde haben was gesagt, sonst hat uns niemand angesprochen.“

„Ich habe damit nicht abgeschlossen“, sagt Elisa. „Aber ich habe es geschafft in dem Jahr, seit der Artikel erschienen ist, die Dinge so zu verarbeiten, dass ich zur Ruhe gekommen bin.“

* Alle Namen und Initialen sind geändert. Die Stadt, in der Elisa zur Schule ging, nennen wir nicht, um keinen Verdacht auf Personen oder Einrichtungen zu lenken, die mit den Vorkommnissen nichts zu tun haben.

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