Der Laptop ist aufgeklappt. Nele Neuhaus sitzt am Küchentisch und tippt. Um sie herum liegen handschriftliche Notizen, bunte Post-it-Zettel, ein paar Bücher. An der Wand hängt ein Plakat, das eine Lesung von „Wer Wind sät“ ankündigt. Ein bescheidener Arbeitsplatz für eine Bestseller-Autorin. „Ich hab’s noch immer nicht geschafft, mir ein eigenes Zimmer zum Schreiben einzurichten“, sagt die Kelkheimerin und lacht. „Ich hab einfach keine Zeit.“
Nele Neuhaus ist eine disziplinierte Autorin. Spätestens um neun Uhr macht sie sich jeden Morgen an die Arbeit, sitzt in Jeans und Sweatjacke in der Küche am Computer und schreibt. Stundenlang. Zurzeit feilt sie am „Drehbuch“ für ihren nächsten, den sechsten Taunus-Krimi, skizziert Figuren und Handlungsstränge, entwickelt die neue Geschichte. „Das ist die schönste Phase beim Entstehen eines Buches“, findet sie. „Da ist noch alles möglich.“ Worum es gehen wird? Nele Neuhaus verrät es nicht. „Alles noch sehr vage“, sagt sie.
Geboren wurde Nele Neuhaus 1967 in Münster in Westfalen. Seit ihrer Kindheit lebt sie in Kelkheim am Taunus.
Sie arbeitete nach dem Abitur in einer Werbeagentur, studierte einige Semester Jura, Geschichte und Germanistik und begann Ende der 1990er Jahre mit dem Schreiben.
Ihren ersten Kriminalroman „Unter Haien“ über eine New Yorker Investmentbankerin veröffentlichte sie 2005 über Books on Demand.
Auch die beiden Taunus-Krimis „Eine unbeliebte Frau“ und „Mordsfreunde“ erschienen zunächst im Selbstverlag. 2008 nahm der Berliner Ullstein-Verlag die Kelkheimer Autorin unter Vertrag.
Den Sprung in die Bestsellerliste schaffte Neuhaus erstmals 2009 mit dem Kriminalroman „Tiefe Wunden“, der bei Ullstein erschien.
Rund eine halbe Million Mal wurde „Schneewittchen muss sterben“ verkauft. Der erfolgreiche Krimi erschien 2010.
Die Premiere für den neuesten Taunus-Krimi „Wer Wind sät“ am 19. Mai in der Kelkheimer Stadthalle ist ausverkauft. 500 Tickets waren in kürzester Zeit vergriffen.
Zu kaufen ist das Buch ab dem kommenden Freitag, 13. Mai. Eine Signierstunde mit der Autorin gibt es am 20. Mai, 17.30 Uhr, in der Buchhandlung Hugendubel am Steinweg in Frankfurt.
Weitere Informationen über die Autorin sowie Termine für Lesungen im Internet unter www.neleneuhaus.de (aro)
Verträge für drei Taunus-Krimis, die in den nächsten Jahren im Berliner Ullstein-Verlag erscheinen sollen, hat Neuhaus in der Tasche. Die Leser fiebern dem Erscheinen ihrer Bücher monatelang entgegen. „Wer Wind sät“ steht bei Amazon bereits auf Platz zwei der Krimi-Bestsellerliste, obwohl der Band noch gar nicht ausgeliefert ist – so viele Vorbestellungen gibt es.
Die Hofheimer Komissare Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff ermitteln dieses Mal in Eppstein. In Ehlhalten soll ein Windpark gebaut werden. Eine Bürgerinitiative will das verhindern. Ein Bauer verkauft seine Wiese nicht, auch nicht für drei Millionen. Es wird gemordet, gefälschte Gutachten werden vorgelegt, bis ins hessische Umweltministerium reichen die kriminellen Machenschaften.
Überraschende Aktualität
Nein, Nele Neuhaus hat ihren neuen Krimi nicht in den vergangenen drei Monaten geschrieben. Als sie im Januar das Wort „Ende“ unter das Manuskript setzte, war es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima noch nicht zum GAU gekommen, und das Thema Energiewende längst noch nicht politisch heiß diskutiert. Anregungen habe sie vielmehr von ihrem Vater, dem ehemaligen Landrat des Main-Taunus-Kreises Bernward Löwenberg, bekommen, sagt Neuhaus. Er sei im Laufe der Jahre vom Lobbyisten zum Klimaskeptiker geworden. „Das Thema ist bei uns in der Familie immer auf dem Tisch. Am Ende ist meine Phantasie mit mir durchgegangen.“
Das vergangene Jahr war für Nele Neuhaus ein Jahr der Superlative. Weit über eine Million Mal wurden ihre vier bisher erschienenen Taunus-Krimis verkauft. Stets geht darin das Hofheimer Ermittlerduo Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff auf Verbrecherjagd im Main-Taunus- und Hochtaunuskreis. Nahezu pausenlos stand „Schneewittchen muss sterben“ auf Platz eins der Bestsellerliste. Nur Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ konnte dem Buch im Herbst kurzfristig den Rang ablaufen.
Was das Geheimnis ihres Erfolges ist? Neuhaus weiß es selbst nicht so genau. „Ich freue mich stumm darüber“, sagt sie. „Es ist wie im Märchen.“ Für Marion Vazquez, Lektorin des Ullstein-Verlags, ist das Phänomen Nele Neuhaus auch nicht so leicht zu erklären. Im generell boomenden Markt der Regionalkrimis sei die Kelkheimerin „eine absolute Ausnahmeerscheinung“, sagt sie. „Eine Autorin zum Anfassen, die den Nerv der Zeit trifft.“ Wie ihr das gelingt? „Mit großen bewegenden Themen wie Liebe und Eifersucht, Gier und Verschwiegenheit in der Gemeinschaft, mit Figuren, die die Menschen berühren, die man irgendwie alle zu kennen scheint, mit denen man sich identifizieren kann“, erklärt Vazquez. Der Taunus mit seinen kleinen Dörfern, den Reichen und den Armen und der nahen Großstadt Frankfurt biete ein großartiges Setting für Neuhaus’ Krimis; der lokale Bezug sei für die Leser in der Region von Bedeutung, aber keineswegs alleine ausschlaggebend für den überragenden internationalen Erfolg.
Internationale Erfolge
Nele Neuhaus selbst kann es kaum fassen, dass ihre Bücher mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt wurden und nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in Brasilien, Russland, Japan, China und Taiwan auf den Bestsellerlisten stehen. Amüsiert legt sie die koreanische Übersetzung von „Schneewittchen muss sterben“ auf den Tisch“. Die Belegexemplare kamen vor Kurzem mit der Post. Auf dem Cover ist ein Riesenrad zu sehen. „Keine Ahnung, wie der Verlag in Korea darauf gekommen ist. Vielleicht weil die beiden Mädchen auf der Kerb in Altenhain ermordet werden und auf einer Kirmes ein Riesenrad zu stehen hat?“
Demnächst wird Neuhaus zur Lesung von „Schneewittchen muss sterben“ nach Rom und Mailand reisen. Der Titel wurde wörtlich ins Italienische übersetzt, heißt dort „Biancaneve deve morire“. Ein Schauspieler wird Auszüge aus dem Text vortragen. „Ich sitze dabei und lächle“, sagt die Kelkheimerin.
70 Lesungen absolvierte die 43-Jährige im vergangenen Jahr, in ganz Deutschland war Neuhaus unterwegs. „Ich habe mir zu viel zugemutet“, sagt sie heute. „Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch.“ Als sie es nicht schaffte, das Manuskript von „Wer Wind sät“ wie vereinbart bis zum 31. Dezember 2010 abzuliefern, zog sie die Notbremse. Sie sagte bis auf Weiteres alle Lesungen ab, versuchte zur Ruhe zu kommen. „Als der Druck weg war, ist es geflutscht. In drei Wochen war das Buch fertig“, sagt sie.
Momentan geht ihr das Schreiben wieder gut von der Hand. So gut, dass sie nur noch an zwei Tagen pro Woche in der Fleischfabrik ihres Mannes in Schwalbach am Taunus mitarbeitet. Früher kümmerte sie sich dort täglich um die Buchhaltung, verkaufte Würstchen und packte den Kunden ihre Kriminalromane noch mit in die Tüte.
Wachsende Fangemeinde
Die Bücher ließ sie damals noch über Books on Demand drucken, erst 500 Stück, dann 1000, dann 5000. Um Marketing und Werbung musste sie sich selbst kümmern, Klinken putzen bei den Buchhändlern in der Region und darauf hoffen, dass ihre Krimis nicht in den hintersten Regalen verschwanden.
Die Nele-Neuhaus-Fangemeinde wuchs. In einem Königsteiner Buchladen verkaufte sich der Taunus-Krimi „Mordsfreunde“ im Weihnachtsgeschäft 2007 besser als „Harry Potter“. Ein Ullstein-Vertreter brachte das Buch mit nach Berlin, und Marion Vazquez erlebte „eine Sternstunde im Leben eines Lektors“. In einem Rutsch las sie den Krimi durch und war begeistert. Seit Anfang 2008 ist Nele Neuhaus bei Ullstein unter Vertrag.
Ihren rasanten Schreibstil hat Nele Neuhaus mit Unterstützung ihrer Lektorin weiterentwickelt. Typisch für ihre Kriminalromane sind häufige Perspektivenwechsel. Die kurzen Szenen werden aus der Sicht unterschiedlicher Personen erzählt. Kaleidoskpartig entwickelt sich die Handlung. Für zusätzliche Spannung sorgen Cliff-Hanger – offene Fragen am Ende jeder Sequenz, die erst auf den folgenden Seiten beantwortet werden.
Neuhaus-Leser sind Getriebene. Sie hätten das Buch nicht aus der Hand legen können, ehe das Verbrechen nicht aufgeklärt, der Mörder nicht gefasst war, berichten viele Fans in Internet-Foren. „Über 500 Seiten in knapp einer Woche zu lesen – das habe ich vorher noch nie geschafft“, erzählt eine junge Frau in einem You-Tube-Video.
Beginn mit Tier- und Liebensgeschichten
„Schreiben ist meine Leidenschaft“, sagt Nele Neuhaus und erzählt von den Schulheften, die sie schon als Kind mit Tier- und Liebensgeschichten vollgeschrieben und mit Tesafilm zu Büchern zusammengeklebt hat. Dem Rat ihres Mannes, „doch lieber was Vernüftiges zu machen“, folgte sie nicht, sondern begann ihren ersten Roman „Unter Haien“ zu schreiben. Mehrere Jahre arbeitete sie daran, ehe sie das Buch 2005 veröffentlichte – der erste Schritt in Richtung Erfolg. Mittlerweile ist der Roman in einer Neuauflage beim Prospero-Verlag erschienen.
Mir ihren Taunus-Krimis hat Neuhaus in den vergangenen Monaten viel Geld verdient. Für alle vier Bücher wurden die Filmrechte verkauft, Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff werden wohl bald über Leinwand und Bildschirm flimmern. „Ich könnte mit Leichtigkeit vom Schreiben leben“, sagt sie und schüttelt energisch den Kopf, „aber ich muss das zum Glück gar nicht.“
Die Kelkheimerin hat ganz andere Pläne. Das gesamte Geld aus Buchverkäufen und Filmrechten will sie in eine Stiftung stecken, die sich um die Förderung von Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz von Kindern kümmern soll. „Da liegt vieles im Argen“, sagt Nele Neuhaus, „da will ich helfen.“

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.