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Apfelklau in Hessen: Mundraub oder Diebstahl?

Besitzer von Streuobstwiesen stehen immer öfter vor kahlgeklauten Bäumen. Und jetzt gibt es auch noch eine Website mit Hinweisen auf angeblich herrenlose Obstbäume.

Folge des Apfelklaus - Warnschild in Oberursel
Folge des Apfelklaus - Warnschild in Oberursel
Foto: Monika Müller

Herbstzeit, Erntezeit. Auch auf hessischen Wiesen, Feldern und an Straßenrändern stehen aber jede Menge Obst- und Nussbäume, die vollhängen und nicht abgeerntet werden – bis ihre Früchte ungenutzt zu Boden fallen und verrotten. Bevor das passiert, kann man doch wohl selbst mal zugreifen, oder?

Wo in der Umgebung angeblich herrenlose Bäume zu finden sind, kann man auf der Internetseite Mundraub.org nachsehen. Jeder Nutzer kann dort seiner Meinung nach besitzerlose Bäume und Sträucher eintragen. Mittels einer interaktiven Landkarte findet man schnell den Weg.

Relikt der Hungerjahre

Die Internetseite Mundraub.org hat sich nach dem seit 1. Juli 1975 in Deutschland abgeschafften Straftatbestand Mundraub benannt.

Er bezeichnete die Entwendung oder Unterschlagung von Nahrungs-, Genussmitteln oder von anderen Gegenständen des hauswirtschaftlichen Gebrauchs in geringer Menge oder von unbedeutendem Wert zum alsbaldigen Verbrauch. In den von Hunger und Leid geprägten Nachkriegsjahren wurde er noch geduldet.

Nach Paragraph 370 , Absatz 1, Nummer 5 des Strafgesetzbuchs wurde er zuletzt mit einer Geldstrafe bis zu fünfhundert D-Mark oder bis zu sechs Wochen Freiheitsstrafe geahndet. (frs)

Die Macher der Internetseite begreifen ihr Projekt als „nachhaltig“. Die Idee dahinter: Warum Äpfel aus Neuseeland oder Spanien kaufen, die mit viel CO2-Ausstoß nach Deutschland transportiert werden, wo doch das Gute so nahe liegt? Der Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesrepublik hat das Projekt denn auch schon zweimal ausgezeichnet.

Doch mittlerweile mehren sich die Stimmen der Kritiker: Die Plattform rufe öffentlich zum Diebstahl auf, lautet der Vorwurf. Denn viele der angeblich herrenlosen Bäume und Sträucher hätten sehr wohl einen Besitzer. Zoomt man etwa Darmstadt auf der Landkarte von Mundraub.org an, stößt man dort auch auf die Apfel- und Kirschbäume im Schlossgraben. Diese gehören aber der Technischen Universität.

Zweiter Kritikpunkt: Es sei keineswegs als nachhaltig zu bezeichnen, wenn offen dazu aufgerufen werde, zum Beispiel unter Landschaftsschutz stehende Streuobstwiesen zu betreten. Das bringt nicht nur den parteilosen Ersten Stadtrat von Langen, Klaus-Dieter Schneider, auf die Palme, sondern auch die Darmstädter CDU.

Zäune sollen schützen

Die hat eine parlamentarische Initiative gestartet. „Nachhaltig heißt, beim heimischen Erzeuger kaufen statt klauen“, sagt der Stadtverordnete Ludwig Achenbach. Mundraub.org meine es vielleicht gut – „aber gut gemeint und gut ist nicht immer dasselbe“. Wer Äpfel von fremden Bäumen esse, „anstatt selbst welche zu pflanzen und zu pflegen, oder nicht bei denen kauft, die welche pflanzen, verhält sich gerade nicht nachhaltig“, so der Christdemokrat. An vielen Obstbaumstücken hätten die Besitzer – freilich schon vor Mundraub.org – die Lust verloren, weil die Ernten oft gestohlen und die Bäume dabei noch beschädigt würden. In Darmstadt-Eberstadt müssten deshalb Einzäunungen auf den Streuobstwiesen erlaubt werden.

Die in Berlin ansässige Initiative Mundraub.org räumt auf ihrer Webseite selbst ein, dass sie nicht in jedem Fall hundertprozentig prüfen könne, ob alle eingetragenen Bäume wirklich herrenlos seien. Meist zoomten sich die Macher mittels Google Earth an die Bäume heran, um zu schauen, „ob da ein Zaun steht oder die Wiese gemäht ist“.

Der „Idealfall“ sei das nicht, räumen sie ein. Besser seien Hinweise von den Eintragenden selbst, wem die Bäume oder die Wiesen gehörten, oder ob sie sich das Einverständnis des Besitzers geholt hätten.

Autor:  Frank Schuster
Datum:  19 | 10 | 2010
Kommentare:  10
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