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16. Januar 2015

Murat Kurnaz: Zeitzeuge gegen die Folter

 Von 
Murat Kurnaz (links) spricht mit Schülern der Altkönigschule in Kronberg.  Foto: Regine Seipel

Jahrelang war Murat Kurnaz  in Guantánamo inhaftiert. Wie hat er die Folter ausgehalten? Und wie steht er zum Islam?

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Murat Kurnaz schreibt mit dem Zeigefinger kleine Kreise auf das rote Tischtuch und verzieht keine Miene dabei. Neben ihm sitzt eine Schülerin und liest eine Passage aus seinem Buch „Fünf Jahre meines Lebens“. In dem Auszug beschreibt Kurnaz wie er durch Aufhängen an Ketten gefoltert wird: die Schmerzen am ganzen Körper, wie die Hände taub werden und zwei bis drei Mal am Tag ein Arzt kommt, Kreislauf und Fingernägel untersucht, um festzustellen, wie lange er durchhält.

Der Fall

Murat Kurnaz wurde 2001 in Pakistan festgenommen und kam in das amerikanische Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Ohne Verfahren wurde er dort festgehalten und gefoltert und kam erst 2006 frei.

2007 erschien sein Buch „Fünf Jahre meines Lebens“, das 2013 von Stefan Schaller verfilmt wurde.

Mit seinem Anwalt Bernhard Docke, ein engagierter Menschenrechtler, klärt er in Schulen und Universitäten über Guantánamo auf. res

Es ist sehr still in der großen Aula der Altkönigschule in Kronberg, in der rund 200 Schüler der Oberstufe der beklemmenden Lesung lauschen. Die Frage, die einer danach stellt, liegt wohl allen auf den Lippen. Wie hat er das ausgehalten? „Ich habe zu Gott gebetet und bin dankbar, dass er mir die Kraft gegeben hat“, sagt Kurnaz, der diese Antwort in den vergangenen Jahren oft gegeben haben muss. Mit seinem Anwalt Bernhard Docke, einem engagierten Menschenrechtler, reist Kurnaz regelmäßig durchs Land, in über 50 Universitäten waren sie schon, bei Vorführungen der Buch-Verfilmung, die vor knapp zwei Jahren im Kino lief, und in vielen Schulen.

Mit 19 Jahren kam der gebürtige Bremer, der noch immer türkischer Staatsbürger ist, als Terrorverdächtiger nach Guantánamo. „Kein Richter, keine Akte, kein Verfahren, weggeschlossen wie in einem kafkaesken totalitären Raum“, sagt Anwalt Docke, der fünf Jahre lang für seine Freilassung kämpfte. Die Geschichte seines Mandanten ist bekannt, die Schüler sind gut vorbereitet. Murat Kurnaz war kurz nach dem 11. September 2001 nach Pakistan gereist, um eine Koranschule zu besuchen. Gegen Kopfgeld wurde er an die US-Streitkräfte in Afghanistan verkauft, die ihn erst in Kandahar und dann im gerade neu eingerichtete Lager in Guantánamo inhaftierten. Schon 2002 hätte er freikommen können, schildert sein Anwalt und beamt vertrauliche Schreiben an die Wand, die nicht mehr geheim sind, seit sich in Deutschland zwei Untersuchungsausschüsse mit dem Fall beschäftigt hatten. Die Amerikaner, können die Schüler lesen, stuften Kurnaz schon damals als ungefährlich ein, doch das Auswärtige Amt unter der rot-grünen Regierung wollte ihn nicht nach Hause holen. Frank-Walter Steinmeier, der damalige Kanzleramtschef, war deswegen stark unter Druck geraten. Mit einer „juristischen Spitzfindigkeit“, sagt Anwalt Docke, habe man Kurnaz das Aufenthaltsrecht entzogen.

Anwalt Bernhard Docke, Murat Kurnaz und Schüler (v. links).  Foto: Regine Seipel

Deswegen blieb Kurnaz weitere vier Jahre in Guantánamo. Es gab viele Momente, sagt er, in denen er nicht sicher war, dass er überleben wird. Die Körperkraft hat ihm geholfen. Er macht Kampfsport, man sieht es ihm an, ein bulliger Mann mit kurz rasierten Haaren, der oft federnd von einem Fuß auf den anderen tritt. Er trägt strahlend weiße Turnschuhe, dunkle Jeans und Sweatshirt. Was würde er machen, wenn er einen seiner Peiniger auf der Straße trifft? „Bestimmt würde ich ihn nicht umarmen, mehr sage ich dazu nicht.“ Er klingt dabei nüchtern. Wut ist keine zu spüren, auch nicht, wenn er bedauert, dass bisher niemand für das Unrecht, dass ihm widerfahren ist, bestraft wurde. „Ich versuche es weiter mit meinen Anwälten“, sagt er.

Nie am Islam gezweifelt

Viele Fragen der Schüler drehen sich um den Islam. Hat er nach dem 11. September 2001 nicht gezweifelt, ob der Islam was Gutes ist, will ein Schüler wissen. Kurnaz schüttelt den Kopf. „Nie“, sagt er „das waren Terroristen“. Und kann er nachvollziehen, dass Menschen, die in Guantánamo solche Rechtlosigkeit und Brutalität erlebt haben, zu Extremisten werden, fragt ein anderer. „Es ist so, wenn man kaputt geht, spürt man nur noch Hass“, sagt er.

Kurnaz ist nicht kaputtgegangen. Es geht ihm heute gut, sagt er, auch körperlich. Er habe ein paar Verletzungen, die auch vom Kampfsport herrühren könnten. Der 32-Jährige führt ein normales Leben in Bremen, fährt gern Motorrad, ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Und er gewinnt seinem Schicksal Gutes ab, sagt er. So kann er den Menschen von Guantánamo erzählen, so eindringlich und authentisch, dass die Schüler beeindruckt sind. Für Anwalt Docke ist seine Geschichte auch ein Appell, gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Terroranschlags in Paris: „Wir dürfen die Fehler der USA nicht wiederholen und rechtsfreie Räume schaffen. Durch Unrecht darf nicht neues Unrecht entstehen“, fordert er. Dann ist die Veranstaltung zu Ende, aber Kurnaz beantwortet weiter geduldig Fragen von Schülern und Lehrern, die ihn noch lange umringen.

Abseits des Podiums wirkt Kurnaz lockerer, ein paar Mal zieht ein breites Lachen über sein kantiges Gesicht. Wie er sich in dem Land, das ihn nicht haben wollte, noch sicher fühlen kann, fragt eine Frau zu Schluss. Nach seiner Rückkehr, als er noch den langen rötlichen Bart trug, nannte ihn die Boulevardpresse den „Bremer Taliban“. Viele begegnen ihm bis heute mit Argwohn, sagt er. Doch Kurnaz ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. „Ich habe ja nirgends anderswo gelebt, außer in Guantánamo.“ Da klingt er wieder durch, ein trockener Humor, der so überlebenswichtig wie der Glaube war.

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