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Nach Kochs Rückzug: Am Sachsenhäuser Stammtisch gelauscht

Immer dienstagsnachmittags trifft sich der Sachsenhäuser Stammtisch im Gemalten Haus - zu Sauergespritzen, Hackbraten und auch politischen Diskussionen - etwa über Roland Kochs Abgang. Von Felix Helbig

Debatte zur Mittagsstunde: Bernd, Otto und Uwe (von links) am Stammplatz im Gemalten Haus in Frankfurt-Sachsenhausen - als Roland Koch bekanntgab, seine politischen Ämter niederzulegen.
Debatte zur Mittagsstunde: Bernd, Otto und Uwe (von links) am Stammplatz im Gemalten Haus in Frankfurt-Sachsenhausen - als Roland Koch bekanntgab, seine politischen Ämter niederzulegen.
Foto: FR/Alex Kraus

Es ist halb eins am Dienstagmittag. Die Nachrichtenkanäle senden live aus der Staatskanzlei, aber im Gemalten Haus laufen keine Nachrichtenkanäle, im Gemalten Haus läuft Apfelwein. Fast jeden Mittag treffen sich die Herren ganz hinten links zum Stammtisch im traditionsreichen Lokal an der Schweizer Straße. Die Sonne scheint in den Hinterhof, es gibt Zwiebelmettbrötchen und Hackbraten mit Spargel zum Sauergespritzten. Bernd, 60, lehnt mit den Ellenbogen auf der Tischkante. Otto, 82, steht der Schweiß auf der Stirn. Uwe, 58, schaut von seinem Hackbraten auf und sagt: "Wir trauern."

Politik ist nicht das Leben, das Gemalte Haus ist ein guter Ort, das einzusehen. An den Apfelweintischen geht es um Gott und die Welt und das Wetter; das gut Ding ist hier die Weile selbst und das, was der Wirt auf die langen Tische stellt. Wie in der Politik kann man sich aber auch im Gemalten Haus ganz schnell isolieren, mit nur einem Satz.

"Wir trauern überhaupt nicht", sagt Otto. "Wir sind froh, dass der Koch weg ist." Bernd sieht das genauso. Manfred und Egon auch. Nur Uwe steht allein. "Der Koch wurde unterschätzt, kompetent war der schon", wagt er noch einen Vorstoß, aber keine Chance: "In was denn?", ruft Otto aufgebracht, "wir haben Milliarden-Schulden im Land, ich kann das nicht hören, was Du da sagst."

Bernd nickt: "Der Koch stand für Sozialabbau und Bildungskürzungen. Und wer einen Wahlkampf mit Ausländerfeindlichkeit macht, der darf nicht regieren", sagt er. Jetzt gehe er halt in die Wirtschaft, da gehöre er ja auch hin als Rechtsanwalt. Eigentlich gehörten sie da ja fast alle hin. "Wir ja auch", sagt Uwe aus der Isolation mit Hackbraten, "wir gehen ja auch in die Wirtschaft, jeden Mittag." Großes Gelächter. Die Große Koalition im Gemalten Haus ist einstweilen gekittet.

So ernst wie heute diskutieren sie selten am Stammtisch

Seit vielen Jahren sitzen sie schon mittags zusammen am Stammtisch, seit sie eben Rentner seien, sagt Otto, der Älteste. Alles mögliche hätten sie gearbeitet ihr Leben lang. Nun würden sie eher mehr als weniger, die jüngeren Rentner wüchsen ja nach, sagt Otto und grinst: "So gut wie hier kann man es kaum haben." Dass sie sich mal in die Haare kriegen sei eher selten, so ernst wie heute gehe es kaum zu. Mehr Gott und die Welt und das Wetter.

Weniger Roland Koch. Das eigentliche Problem liege aber auch ganz woanders, sagt Bernd. Wenn man sich die Entwicklungen der jüngsten Zeit so betrachte, "dann wird es ingesamt eng für die CDU. Erst haben sie in Nordrhein-Westfalen den Rüttgers abgewählt, jetzt ist der Koch weg. Da gibt´s nicht mehr viel, außer dem Wulff in Niedersachsen vielleicht." Das gelte aber für beide große Parteien, wirft Uwe ein. "Die verlieren ja beide, die SPD hat auch historische Verluste gehabt in Nordrhein-Westfalen". Schuld sei das Fünf-Parteien-Problem, "deswegen kommen ja fast nur noch Große Koalitionen zustande".

Als Otto gerade ansetzen will, darauf einzugehen und zu erklären, wie er es denn mit der Linken hält, tritt der Wirt an den Tisch. Der Wirt hat in der Küche offensichtlich die Nachrichtenkanäle verfolgt, er weiß nämlich schon mehr. "Ein abgekartetes Spiel ist das", sagt er. "Der Bouffier hat das Dings mit dem Polizeipräsidenten, der muss eigentlich weg. Und was machen die? Loben ihn hoch zum Ministerpräsidenten."

Otto schaudert es nur bei dem Gedanken, trotz Schweiß auf der Stirn. "Das wäre das Schlimmste", brummt er, "wenn jetzt diese Vordertaunus-Clique zum Zuge käme." Er meint Finanzminister Karlheinz Weimar, Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung und natürlich Innenminister Volker Bouffier. Aber auch Umweltministerin Silke Lautenschläger dürfe auf keinen Fall zur Ministerpräsidentin gewählt werden, sagt Otto: "Habt Ihr der mal in die Augen gesehen? Eiskalte Augen hat die, ein Satansweib ist das." Die sei aber gerade gleich mit zurückgetreten, sagt der Wirt. "Ein Glück", sagt Otto.

Sein Gemüt hellt sich augenblicklich auf, erleichtert nimmt Otto den nächsten Schluck vom Gespritzten und deckt das Gerippte wieder mit einem Pappdeckel zu. Es gibt nicht viel, wovor man sich im Gemalten Haus schützen muss, deshalb sitzen sie schon so viele Jahre hier zusammen. Ab und an ein Krakeeler am Nachbartisch, im Sommer die Wespen. Und die wollen auch nur was vom Schoppen kosten.

Er habe sich ja schon sowas gedacht, sagt Otto, vielleicht sei er einfach krank, der Koch. "Ich hatte den Eindruck, dass er schmaler geworden ist in letzter Zeit." So ein Machtpolitiker trete nicht einfach zurück, meint auch Bernd. "Vielleicht hat er erkannt, dass es mit dem Ziel, Kanzler zu werden, nichts mehr wird." So oder so müsse es Neuwahlen geben.

"Das macht es doch auch nicht besser", sagt Uwe da, "die Kassen sind halt einfach leer." "Das stimmt doch nicht. Auf die Verteilung kommt es an", entgegnet Otto. Und nimmt einen großen Schluck vom Schoppen.

Autor:  Felix Helbig
Datum:  26 | 5 | 2010
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