Sechs weiße Kugeln erhellen die Nacht von Ciprijan Crnjac. Der Kroate mit dem schwer aussprechbaren Namen arbeitet seit 32 Jahren als Nachtportier im Bahnhofsviertel. Tausende Nächte hat er durchwacht, hunderte Geschichten zu erzählen. Doch die Worte kommen ihm langsam über die Lippen, auf dem dunkelbraunen Ledersofa vor dem Flachbildschirm an der Wand. Crnjac hat auf der Kante Platz genommen, lehnt sich nicht zurück.
Es ist kurz nach 23 Uhr, die Nachtschicht hat gerade begonnen, der dunkelblaue Anzug sitzt ebenso tadellos wie die dezent gemusterte dunkelblaue Krawatte. Nachtfarben. Doch Crnjac ist "eigentlich kein Nachtmensch", die strahlende Morgensonne seiner kroatischen Heimat ist ihm allemal lieber als die Tiefe der Dunkelheit.
Facetten des Lebens in der Nacht präsentiert das katholische Haus am Dom, Domplatz 3, am Samstag, 13. Dezember, ab 18 Uhr, Ende offen.
Mystik und Ekstase in der barocken Lyrik des Johannes vom Kreuz untersucht beispielsweise der Karmelit Ulrich Dobhan aus München.
Eine Kulturgeschichte der Nacht verfasste die Zürcher Autorin Elisabeth Bronfen und gibt daraus Impulse.
Traumdarstellungen in der Literatur spürt der Psychoanalytiker Heinrich Deserno vom Frankfurter Sigmund-Freud-Institut nach.
Das Leben Obdachloser will Steve Valk, einst Chefdramaturg des Balletts Frankfurt, in Installationen und Projektionen in Kooperation mit der Lazarus Wohnungslosenhilfe und dem Frankfurter Verein darstellen.
Stillebietet der Dom.
Tanz nach Mitternacht Xaviera und DJ Gerald H.
Hörbars mit Texten und Kompositionen zur Nacht sind an verschiedenen Stellen im Haus zu besuchen.
Der Eintritt kostet zwölf Euro.
Und dennoch hat er das nächtliche Leben im Hotel zu seinem Beruf gemacht, der Kinder wegen. Groß sind sie inzwischen, 28, 27 und 24 Jahre alt, "erst wenn sie erwachsen sind sieht man, ob man alles richtig gemacht hat", sagt Crnjac und lächelt sein weiches Lächeln, das etwas Schelmisches hat.
Taillenhoch ist die kleine braune Tür mit dem Silberknopf, die hinter seinen Tresen im Quality Hotel Kaiserhof führt. Ein großes Foyer mit Kronleuchter und breiter Glasfront trennt ihn von der Welt draußen auf der Kaiserstraße.
Es ist ruhig und still und ein wenig langsamer. Nacht eben. Ein Mann mit dunkelblauer Jacke und goldenem Brillengestell kommt herein, bleibt vor dem Sofa stehen, auf dem Crnjac wieder Platz genommen hat, strahlt. "Das ist meine Aushilfe, meine rechte Hand, er ist schon in Rente", sagt Crnjac.
Früher, als er anfing mit den Nachtdiensten, in den 70er Jahren auf der Münchner Straße, "da kannten sich alle Portiers" in den dicht an dicht liegenden Hotels. Heute haben die Besitzer gewechselt, man kennt sich nicht mehr. Das nächste Hotel auf der Kaiserstraße, den Frankfurter Hof, hat Crnjac nie betreten. Sein Haus liegt nahe am Bahnhof, dort wo früher die Drogensüchtigen in der Passage neben dem Hoteleingang drückten, Gäste sich deshalb damals nicht ins Haus wagten. Lange her ist das, genau wie die Szene mit dem Drogenmädchen, das ein Gast mit aufs Zimmer nehmen wollte, "ich habe es rausgeschoben, die Tür zugemacht und die Polizei gerufen. Sie hat sich hingesetzt und mit beiden Füßen die Scheibe zertrümmert." Crnjac hält inne und lächelt.
Geschichten der Nacht weiß er zu erzählen. Geschichten von Polizisten, die ein Hotel stürmten, weil sie RAF-Terroristen darin vermuteten. Blinder Alarm nur, aber das Überfallkommando "hatte selbst Schiss". Geschichten von einem Diamantenhändler, dem ein Koffer voller Papier für seine Klunker angedreht wurde. "Er war so bleich wie der Tod." Geschichten von Menschen, die hereinkommen und ihrerseits eine Geschichte erzählen, um in der kalten Nacht nicht unter der Brücke schlafen zu müssen. "Mein Chef kommt morgen und zahlt für mich", lautet eine Variante. "Ich bin ein Freund von ihrem Chef, das geht in Ordnung mit dem Zimmer" eine andere. "Es gibt die tollsten Märchen, wenn es Winter ist", sagt Crnjac. Manchmal "muss ich schmunzeln, wie erfinderisch die Menschen sind".
Eine Gruppe Italiener lässt sich Zimmerschlüssel geben, wartet vor dem Fahrstuhl. Crnjac bewegt sich langsam, aber hellwach. Ein Mann mit Regenschirm eilt durchs Foyer, "Zimmerschlüssel haben Sie?" fragt Crnjac beiläufig. Unaufgefordert zeigt der Gast den Schlüssel vor.
Crnjac bewacht das Haus, sorgt dafür, dass niemand fährt, bevor er gezahlt hat, keiner in Zimmer geht, zu denen er keine Schlüssel hat. Er empfängt die Nachtschwärmer, die von Mitternacht bis vier Uhr in der Frühe auf die Rolle gehen, wartet auf die Reisenden vom Flughafen Hahn, die mit ihrem Koffer manchmal um 3 Uhr nachts durchs Foyer rollen, verabschiedet Reisende, die sich früh um fünf Uhr auf den Weg machen. "Manchmal habe ich zwei, drei Stunden Ruhe", sagt Crnjac. Wenn alle Gäste da sind, darf er ein Nickerchen machen. Aber "eigentlich kann ich die ganze Nacht wach bleiben". Drei Stunden "Minimum" muss der 63-Jährige tagsüber schlafen.
Draußen laufen Leute mit Einkaufstüten zum Bahnhof. Es ist kurz nach eins, zwei Stunden der Nachtschicht sind vorbei. Die Krawatte sitzt immer noch, über den Flachbildschirm läuft grell bunte Handywerbung. Ciprijan Crnjac schaut nicht hin. "Ich hasse Hektik."

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