kalaydo.de Anzeigen

Nadja Rakowitz: "Privatisierungen stoppen"

Nadja Rakowitz, Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, fordert im FR-Interview eine Kehrtwende bei der Privatisierung von Krankenhäusern.

Nadja Rakowitz ist promovierte Politologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte.
Nadja Rakowitz ist promovierte Politologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte.
Foto: Andreas Arnold

Krankenhäuser stehen unter starkem Kostendruck. Die kommunalen üben sich in Kooperationen. Die privaten Betreiber stehen bereit, um weitere öffentliche Häuser zu kaufen. Was sind die Gefahren?

Medizinische Entscheidungen werden ökonomischen untergeordnet. Das geht in zwei Richtungen: Man kann an medizinisch Notwendigem sparen oder der Patient bekommt überflüssige Leistungen. Beides passiert in den Krankenhäusern.

Zur Person

Nadja Rakowitz ist promovierte Politologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Die linksalternative Gruppe hatte sich im November 1986 in Frankfurt gegründet, wo sie auch ihren Sitz hat.

Zweck des Vereins ist laut Satzung "öffentliche Aufklärungsarbeit mit dem Ziel, demokratische Strukturen im Gesundheitswesen durchzusetzen". Hohe Bedeutung hat dabei der soziale und humane Auftrag der Ärzteschaft. Der Verein verfolgt keine berufsständischen Interessen.

Info: www.vdaeae.de/in

Haben die Privatisierungen das Gesundheitswesen verändert?

Sie sind nur Teil des Problems der Ökonomisierung. Die öffentlichen Krankenhäuser stehen inzwischen unter dem gleichen Druck wie die privaten. Sie stehen miteinander im Wettbewerb. Deshalb sind auch öffentliche Häuser gezwungen, vorrangig unter ökonomischen Aspekten zu handeln.

Was unterscheidet die Privaten dann noch von den Öffentlichen?

Private Betreiber wie Rhön oder Helios müssen aus dem Krankenhausgeschehen selbst noch Profit erwirtschaften. Das verstärkt den ökonomischen Druck noch mal. Der Profit wird aus dem Gesundheitswesen herausgezogen, fließt nicht dahin zurück. Dem Beitragszahler wird also Geld entzogen.

Wie wirkt sich der Druck auf die Patienten aus?

In Privatkrankenhäusern sind die Personalzahlen um einige Prozent niedriger als an öffentlichen. Tätigkeiten von Ärzten werden an Pflegekräfte delegiert, Tätigkeiten von examinierten an nicht examinierte und so weiter, weil das Kosten spart. Das führt zum Beispiel an der privatisierten Universitätsklinik Marburg-Gießen zu einer Verschlechterung der Qualität, worüber sich Patienten, aber auch niedergelassene Ärzte bekanntlich beschweren.

Warum wehrt sich kaum ein Klinikarzt gegen den Druck aus den Chefetagen?

Das ist ein großes Problem. Dabei sind sie in einer sehr privilegierten Position. Im Moment suchen Krankenhäuser Ärzte. Den politisch aktiven Ärzten in unserem Verein, die sich gewehrt haben, ist kaum etwas passiert. Krankenhausärzte sagen, dass sie im Moment unter einem unglaublichen ökonomischen Druck stehen. Die Hierarchien seien noch höher geworden. Die Ärzte leiden auch darunter, Fälle produzieren zu müssen und so zum Teil medizinisch nicht notwendige Leistungen zu erbringen. Seit Einführung der Fallpauschale sind die Fallzahlen massiv angestiegen. Das lässt sich nicht nur mit der alternden Bevölkerung erklären.

Wie lässt sich der Trend stoppen?

Diese Gesellschaft muss sich überlegen, ob sie das Gesundheitswesen wirklich dem gleichen Druck einer kapitalistischen Ökonomie aussetzen will wie etwa die Automobilindustrie.

Was ist Ihre Forderung?

Ein Stopp der Privatisierung und eine Rekommunalisierung der Krankenhäuser. Hier wurde und wird öffentliches Eigentum privatisiert. Das gehört uns, den Beitrags- und Steuerzahlern. Damit allein ist das Problem aber noch nicht gelöst. Der ökonomische Druck muss raus, das medizinisch Notwendige, also auch gute Pflege mit ausreichend Personal, muss bezahlt werden. Diese Gesellschaft kann sich das leisten.

Ist die Kernfrage, wie das Geld verteilt wird?

Besser noch: Wofür wird es ausgeben? Es muss nicht unbedingt mehr Geld in den Gesundheitssektor. Das garantiert nicht, dass mehr Pflegepersonal finanziert wird. Man kann dafür auch eine Portalklinik für Dubai öffnen oder noch ein paar teure Apparate mehr kaufen. Es gibt überdurchschnittlich viele Herzkatheterlabore in Deutschland. Und doch sind wir hierzulande nicht gesünder.

Ist eine Rekommunalisierung des Universitätsklinik Gießen-Marburg möglich?

Vor zwei Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass der Staat für systemrelevante Banken 500 Milliarden Euro auftreiben kann. Man konnte innerhalb von 20 Jahren die DDR reprivatisieren. Warum soll man eine Uniklinik nicht wieder zurück ins öffentliche Eigentum holen können? Aber das bedürfte eines Umdenkens. Das privatisierte US-amerikanische Gesundheitswesen ist das teuerste der Welt. Dennoch sind 45 Millionen Menschen dort nicht versichert. Es gibt kein Indiz dafür, dass Privatisierung die Gesellschaft billiger kommt.

(Interview: Jutta Rippegather)

Datum:  16 | 2 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus der Region

Anzeige

 
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Der Flörsheimer Zug ist einer der größten der Region.
Fastnacht im Main-Taunus-Kreis 
        

Als Tänzerin muss Julia Koch gelenkig sein.
Fastnacht in Bad Soden 
        

Thorsten Schweinhardt liebt es, Leute zu überraschen.
Fastnacht in Hattersheim 

Anzeige

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Fotostrecke 1. Derpart Familien-Reise-Tag

Staumelder

Staumelder 19 Staus mit einer Gesamtlänge von 60km
Zu den Staumeldungen
Meistgeklickt
Die Szene, die zum umstrittenen Strafstoß führte.
Eintracht gegen Düsseldorf 
Auch Bettina Wulff wirkt müder als sonst - hier besichtigt sie Leonardo da Vincis
Bundespräsident Wulff in Italien 
Sascha Rösler, Agent Provocateur
Sascha Rösler 
Marktplatz

"Wir wünschen uns einen großen Garten um unser Frühlingsglück zu genießen." Über 25.000 Bauplatz- und 6.000 Baugebiet-Angeboten.