Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

19. Juli 2012

Neckermann Insolvenz: Die Zeit für Neckermann läuft ab

 Von Claus-Jürgen Göpfert
Noch bleiben drei Monate Zeit zur Rettung von Neckermann. Foto: dpa

Während die Beschäftigten bei Neckermann um ihre Zukunft bangen, rücken die Konkursverwalter an. In den kommenden vier Wochen entscheiden sie, ob der Versandhändler bestehen bleibt.

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Sie sind gekommen am Morgen. Am ersten Tag nach der Insolvenz. „Es wird gearbeitet bei uns“, sagt Thomas Schmidt, der Betriebsratsvorsitzende von Neckermann Logistik. Und es hört sich an, als sei er selbst etwas erstaunt. Bei den Menschen auf dem weitläufigen Gelände an der Hanauer Landstraße herrscht „eine Mischung aus Enttäuschung, Wut und Sprachlosigkeit“, so Schmidt. Gerade die vielen Migranten unter den Beschäftigten bei Neckermann haben noch gar nicht recht begriffen, was geschehen ist. „Was ist das eigentlich, Insolvenz?“, wird Schmidt an diesem Donnerstag häufig gefragt.

Und er versucht, die Fragen zu beantworten. Bei den Betroffenen geht es um ganz unmittelbare Ängste. „Was wird aus meiner Familie, meinen Kindern?“, heißt eine Frage oder „Kann ich jetzt meine Miete noch bezahlen?“ Der Betriebsrat weiß aus langjähriger Erfahrung: „Für Menschen mit wenig Lohn sieht das Leben immer kurzfristig aus.“

Bernhard Schiederig, Landesfachbereichsleiter Handel bei der Gewerkschaft Verdi, kennt die Ängste. „Unsere unmittelbare Aufgabe ist es jetzt, die Auszahlung der Löhne sicherzustellen.“ Die Firma Neckermann zahlt ab sofort nicht mehr an die 2400 Menschen am Standort Frankfurt, an die 250 Beschäftigten in Heideloh in Sachsen-Anhalt, die 200 vom Call-Center in Istanbul und die mehreren hundert bei den Tochtergesellschaften in der Schweiz, Österreich und den Niederlanden.

Seit 20 Jahren auf Insolvenzen spezialisiert

Zuständig sind dafür ab dem Mittag die Rechtsanwälte Joachim Kühne und Michael Frege von der renommierten Kanzlei cms Hasche Sigle in Frankfurt. Amtsrichterin Brigitte Mikerts beruft sie zu vorläufigen Insolvenzverwaltern für das angeschlagene Versandhaus. Kühne ist für die Logistik bei Neckermann zuständig, Frege für neckermann.de. Der 52-jährige Frege, seit zwei Jahrzehnten auf Insolvenzen spezialisiert, hatte unter anderem die deutsche Tochtergesellschaft der bankrotten US-Investmentbank Lehman Brothers abgewickelt.

Thema Neckermann

Der traditionsreiche Versandhändler Neckermann mit Sitz in Frankfurt ist nicht mehr zu retten. Gut 2000 Menschen werden nun arbeitslos. Zur Themenseite Neckermann.

Innerhalb der nächsten vier Wochen sollen die beiden Anwälte ein Gutachten zu der Frage erarbeiten, ob Neckermann wirtschaftlich noch überlebensfähig ist. Sind Frege und Kühne von der wirtschaftlichen Substanz des Unternehmens überzeugt, können sie einen Antrag zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen.

Am Freitag, so kündigt Richterin Mikerts an, wird sie auch den Gläubiger-Ausschuss für Neckermann bestellen. Die Löhne werden von nun an als Insolvenzgeld an die Beschäftigten ausgezahlt. Freilich nur bis September. Bis dahin bleibt Zeit, ein Zukunftskonzept für das Versandhaus zu finden.

Betriebsräte wollen Konzept vorlegen

Gelingt das nicht, müssen die Insolvenzverwalter die Firma abwickeln. Dann schließen sich die Tore zum Firmengelände im Frankfurter Osten endgültig.

Betriebsräte bei Neckermann und Gewerkschafter glauben noch immer an einen Erfolg des alternativen Geschäftskonzepts für das Versandhaus. Ende April hatten sie es vergeblich dem Vorstand präsentiert, jetzt wollen die Betriebsräte ihre Vorschläge den Insolvenzverwaltern unterbreiten.

Ein wichtiger Punkt: Die Logistik bei Neckermann soll erhalten bleiben. Aufträge von fremden Firmen, so glauben die Gewerkschafter, könnten künftig die Arbeitsplätze dort sichern. Zum zweiten drängen auch die Betriebsräte darauf, den online-Bereich des Unternehmens forciert auszubauen.

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