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Neonazis bei der Bundeswehr: Braune Flecken auf der Uniform

Der hessische Landesverband der Reservisten hat sich dagegen entschieden, einen rechtsextremen Kameradschaftsführer auszuschließen. Er ist längst nicht der einzige Neonazi in der Bundeswehr. Von Joachim F. Tornau und Carsten Meyer

Kein rechtsextremer Reservist in Sicht?
Kein rechtsextremer Reservist in Sicht?
Foto: ddp

Von einer "bodenlosen Denunziation" spricht Axel von Baumbach. Der Bundeswehrmajor der Reserve steht in Treue fest zum Vorsitzenden seiner Reservistenkameradschaft. An dessen langjährigem rechtsextremen Engagement stört sich der adelige Forstassessor aus dem nordhessischen Kirchheim nicht: "Er ist eine der anständigsten Personen, die ich kenne."

Der so Gepriesene heißt Wolfram M. und ist Chef der Kameradschaft in Großropperhausen, einem Ortsteil von Frielendorf im Schwalm-Eder-Kreis. Nicht der erste Vorstandsjob im Leben des 52-Jährigen: Von 1983 bis 1991 amtierte er als Vize-Vorsitzender der neonazistischen "Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene" (HNG). Bereits 1980 war er selbst einschlägig mit der Justiz in Konflikt geraten, weil er mit einem 20-köpfigen braunen Rollkommando aus dem Dunstkreis der militanten "Volkssozialistischen Bewegung Deutschland" in einer Frankfurter Fußgängerzone Passanten angegriffen hatte. Einer seiner Mittäter erschoss später an der schweizerischen Grenze einen Polizisten und einen Zöllner.

Rechte beim Bund

121 rechtsextreme Vorkommnisse in der Bundeswehr zählte der Wehrbeauftragte des Bundestags im Jahr 2008 - weniger als in den drei Jahren zuvor.

Der mutmaßliche Bombenbastler Thomas B. (22) aus dem südbadischen Lörrach, der im August unter dem Verdacht der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags auf Linke festgenommen wurde, hat bis 2007 bei der Bundeswehr gedient.

Ein Gründungsmitglied der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" in Lörrach, Julien L. (24) , gehörte sogar noch in diesem Jahr einer Eliteeinheit der Marine an. Erst nach Presseberichten wurde er laut Verteidigungsministerium entlassen. (jft)

Nachdem der Hessische Rundfunk Anfang Oktober über die Vergangenheit des Wolfram M. berichtet hatte, prüfte der hessische Landesverband der Reservisten einen Ausschluss - und entschied sich dagegen: Es gebe keine aktuellen Hinweise auf eine fragwürdige Gesinnung, teilte der Verband auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit.

Pöbeln gegen Obama und Holocaust-Verharmlosung

Doch im Mai 1998 versuchte Wolfram M. ausgerechnet über eine Anzeige in der braunen Postille "Nation und Europa", ausgediente Bundeswehr- und Bundesgrenzschutzfahrzeuge zu verkaufen. Und noch in diesem Jahr pöbelte er via Leserbrief in der örtlichen Presse gegen den Besuch von US-Präsident Barack Obama in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald: Im Stil rechtsextremer Geschichtsverdreher verharmloste er den Holocaust, indem er die nationalsozialistische Judenvernichtung auf eine Stufe stellte mit der Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner oder den Bombenangriffen der Alliierten auf Nazi-Deutschland.

Für seinen Kameraden Axel von Baumbach ist Wolfram M. dennoch ein Vorbild: "Wenn mehr so wären wie er, dann würde es um diese Gesellschaft besser stehen", meint der Reserveoffizier, der sich öffentlich für die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" begeistert und unter anderem eine Solidaritätserklärung für den ehemaligen CDU-Rechtsaußen Martin Hohmann unterzeichnet hat. Als Lokalpolitiker wechselte Baumbach erst kürzlich von der CDU zur FDP, weil ihm die Union nicht mehr konservativ genug sei.

Auf seiner Suche nach anderen Reservisten vom Schlage eines Wolfram M. muss der 40-Jährige nicht weit gehen: Im August 2007 ehrte die Kameradschaft Frielendorf den Postbeamten Rainer V. für 20-jährige Mitgliedschaft im Reservistenverband - einen Mann mit einer langen Karriere am rechten Rand, von NPD über "Republikaner" und das rechtsextreme "Bürgerbündnis Pro Schwalm-Eder" bis zur Splitterpartei "Ab jetzt ... Bündnis für Deutschland", für die der 57-Jährige bei der Landtagswahl 2008 antrat.

Volker Stein, Landesvorsitzender des Reservistenverbands und Ordnungsdezernent der Stadt Frankfurt, wurde darüber von der FR informiert. Auch in diesem Fall sah der Verband keinen Grund für ein Ausschlussverfahren: "Uns liegen keine Erkenntnisse vor", behauptete der FDP-Mann.

Polizeibekannter Neonazi bei der Reservistenübung

Ebenso wenig wurden Konsequenzen aus dem Skandal gezogen, dass im September in Frielendorf mit Martin B. (33) sogar ein polizeibekannter Neonazi an einer Reservistenübung teilgenommen hatte. Der Verband, sagt Stein, könne dagegen nichts tun: Weil Martin B. kein Mitglied sei, könne man ihn auch nicht rauswerfen. Und die Übungen müssten grundsätzlich allen Reservisten angeboten werden. "Selbst wenn jemand Mitglied der DVU oder NPD ist, darf ich ihn nicht ausschließen." Können also Rechtsextreme dank der Bundeswehr einfach so das Schießen üben?

Das Verteidigungsministerium dementiert das: "Als Extremisten identifizierte Personen" würden dauerhaft vom Wehrdienst zurückgestellt, erklärt ein Sprecher - und spielt den Ball ansonsten wieder zurück zum Reservistenverband: Bei "belastbaren Erkenntnissen" über "rechtsextreme Handlungen oder Verhaltensweisen" dürfte der Verband einem Reservesoldaten sehr wohl die Teilnahme an einer Übung untersagen.

Autor:  Joachim F. Tornau und Carsten Meyer
Datum:  16 | 12 | 2009
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