Aktuell: FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

20. Juni 2014

Neonazis in Hessen: Schutz für Nazi-Opfer

 Von 
Die Idylle trügt: In Allendorf im Lumdatal sind Neonazis aktiv.  Foto: Hanning Voigts

Eine bedrohte Familie erwirkt einen Gerichtsbeschluss gegen Lumdataler Rechtsextreme. Wenn die Neonazis sich nicht an die Auflagen halten, droht ihnen ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Die Familie hofft, dass jetzt der monatelange Psychoterror vorbei ist.

Drucken per Mail

Man kann Ulrike K. die Erleichterung buchstäblich anhören. „Es ist eine riesengroße Genugtuung, dass wir vor Gericht Recht bekommen haben“, sagt sie. „Man hat endlich anerkannt, wie wir hier leben.“

Wie Ulrike K., ihr Mann und ihr Sohn Timo* am Rande von Allendorf im mittelhessischen Lumdatal leben, hatte die Frankfurter Rundschau bereits vor einem Jahr beschrieben: Seit vielen Monaten zieht die Familie den Hass der lokalen Neonazis auf sich, die seit Ende 2012 ihr Unwesen im Lumdatal treiben. Immer wieder tauchten die Nazis bedrohlich vor dem Haus der Familie auf und grölten Parolen, sie fuhren nachts demonstrativ mit dem Auto vorbei und hupten. Einmal versuchten sie sogar, die Haustür der Familie einzuschlagen. Und immer wieder bedrohten und belästigten sie Timo, der sich gegen Rechts engagiert und den die jungen Nazis zum Teil noch aus der Schule kennen.

Juristisch Neuland betreten

Doch mit den ständigen Drohungen und dem monatelangen Psychoterror dürfte es jetzt vorbei sein: Mit Hilfe ihres Anwalts hat Familie K. Anfang Juni einen Beschluss des Gießener Amtsgerichts erwirkt, der zwei Anführern der Nazigruppe deutliche Vorgaben macht: Bis Ende des Jahres dürfen sie nicht näher als 100 Meter an das Haus der Familie heran, sie dürfen nicht mehr am Haus vorbeifahren und Timo nicht mehr nachstellen. Bei zufälligen Begegnungen müssen sie sich 100 Meter von ihm entfernen. Sollten sie gegen diese Auflagen verstoßen, drohen den beiden Rechten Ordnungsgelder von bis zu 250.000 Euro – oder sogar sechs Monate Ordnungshaft.

Möglich werden diese Auflagen durch das sogenannte Gewaltschutzgesetz, das 2002 eingeführt wurde, um häusliche Gewalt besser ahnden und Opfer ständiger Nachstellungen wirksamer schützen zu können. Weil weder die erhöhte Polizeipräsenz noch die zahlreichen Strafverfahren, die gegen die Neonazis im Lumdatal bereits anhängig sind, die Lage der Familie K. verbessert hätten, sei er auf diese Möglichkeit gekommen, sagte der Gießener Rechtsanwalt Tronje Döhmer der FR: „Die Drohungen waren für alle eine extreme Belastung, da muste eine Lösung her.“

Mit dem Gewaltschutzverfahren habe er juristisch Neuland betreten, was den Schutz von Neonazi-Opfern angehe, sagte Döhmer. Er sei hochzufrieden mit dem Beschluss und hoffe, dass er vielleicht sogar eine bundesweite Signalwirkung haben könne. Familie K. seien schließlich nicht die Einzigen, „die unter Nachstellungen von Neonazis zu leiden haben“, so der Anwalt.

Ein Rechter ist verschwunden

In seiner Begründung führt das Gericht aus, die Aktionen der Neonazis gegenüber Timo K. stellten „unzumutbare Belästigungen“ dar. Besonders geht die Kammer auf einen Vorfall im November vergangenen Jahres ein, über den damals auch die FR berichtet hatte: An der Uni Gießen waren Flugblätter aufgetaucht, in denen auf die politischen Aktivitäten eines der beiden beklagten Neonazis hingewiesen wurde. Bei ihrer wütenden Suche nach den Urhebern hatten die Rechten in Allendorf zufällig Timo K. getroffen und waren nach dessen Angaben mit einem Knüppel und Pfefferspray auf ihn losgegangen.

Derart gewalttätige Wutanfälle dürfen sich zumindest zwei der Lumdataler Neonazis in Zukunft nicht mehr leisten. Das Verfahren gegen einen weiteren ihrer Kameraden wurde vom Gerichtsverfahren abgetrennt: Der Rechtsextreme ist derzeit ohne festen Wohnsitz und für die Behörden daher nicht auffindbar.

Mehr dazu

Ulrike K. hofft, dass die Lumdataler Neonazis sie und ihre Familie jetzt in Ruhe lassen. Vor allem für Timo werde sich die Lage verbessern, weil er sich im Dorf endlich wieder frei bewegen könne, sagt sie. „Ich hoffe, dass die Nazis diesen Wink endgültig verstanden haben.“ Wie die Rechten selbst auf den Gerichtsbeschluss reagieren, ist allerdings noch nicht klar: Wie ihr Anwalt Eike Erdel der FR sagte, hätten seine Mandanten noch nicht entschieden, ob sie versuchen wollen, den Beschluss anzufechten.

* Namen geändert

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.


Auch unterwegs auf dem Laufenden:
„FR News“ –
die App für Ihr Smartphone.

Für iPhone und Android-Handys.
Jetzt downloaden!

In eigener Sache

FR erweitert den Regionalteil

Aus der Produktion unseres neuen Regionalteils.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Kein Scherz, vom Wochenende an bekommen Sie in Ihrem Lokal- und Regionalteil mehr Frankfurter Rundschau als bisher. Und etwas anders wird sie auch, ihre FR.  Mehr...

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner