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Neonazis in Kassel: Braune Unterwanderung

Nach CDU und Feuerwehr sind Kasseler Neonazis nun auch im Reservistenverband der Bundeswehr aufgetaucht. Erst jetzt sind sie enttarnt worden.

        

 War bei der CDU aktiv: Neonazi Daniel Budzynski (4.v.l.) auf einer Kundgebung von Rechtsradikalen in Peine.
War bei der CDU aktiv: Neonazi Daniel Budzynski (4.v.l.) auf einer Kundgebung von Rechtsradikalen in Peine.
Foto: dapd/ Gideon Thalmann

Man hätte gewarnt sein können. Die Neonazis des „Freien Widerstands Kassel“ erklären im Internet offenherzig ihre Strategie. Nämlich: „jegliche Jugendsubkulturen zu unterwandern und sie für uns zu gewinnen“. Unterwanderung also. Und dieses Ziel haben die braunen Kameraden in jüngerer Zeit erfolgreich verfolgt – auch wenn sie sich dabei weniger für Subkulturen als für die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft interessierten.

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Demo gegen Rechts

Mit einer Menschenkette wird in Kassel am Samstag der Mordopfer der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gedacht. Vom Rathaus soll die Menschenkette bis zum Haus in der Nordstadt führen, wo 2006 der Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat von der NSU ermordet wurde. Beginn ist um 13 Uhr.

Das Motto lautet: „Hessen zeigt Gesicht in Kassel – gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit“. Dem Aufruf von Landesausländerbeirat sowie Stadt und Kreis Kassel haben sich unter anderem Kirchen, jüdische Gemeinde, Muslim-Organisationen und die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN-BdA) angeschlossen.

„Ich halte das für sehr gezielt“, sagte der Kasseler Rechtsextremismus-Experte Helge von Horn. „Für bloßen Zufall ist zu breit gestreut, wo die Neonazis schon überall aufgetaucht sind.“ Zuletzt hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, dass es ein rechtsextremer Aktivist sogar bis in den Vorstand der örtlichen CDU geschafft hatte: Der Politikstudent Daniel Budzynski (25) war zwei Jahre lang Schriftführer des CDU-Stadtbezirksverbands Kassel-Nord, ehe er kürzlich durch Medienberichte enttarnt wurde.

Holocaust-Mahnmal beschmiert

Bereits zuvor war aufgeflogen, dass die Freiwillige Feuerwehr im Kasseler Stadtteil Bettenhausen-Forstfeld unbemerkt zu einem Sammelbecken junger Männer mit fragwürdiger Gesinnung – und besten Kontakten zum „Freien Widerstand“ – geworden war. Inklusive des damaligen Wehrführers Christian W. (34). Und jetzt ist es der Reservistenverband der Bundeswehr, der sich – nicht zum ersten Mal – mit nordhessischen Neonazis in den eigenen Reihen herumschlagen muss.

„Vergesst nicht: Wir repräsentieren in den Augen der zahlreichen Besucher ‚die Bundeswehr‘“, so der Leiter der „Kurhessischen Marschgruppe Hürtgenwald“, der Witzenhäuser Rechtsanwalt und SPD-Stadtverordnete Otto Baumann, in seinem „Organisationsbefehl“ für einen Einsatz der Reservisten am 11. September 2011: Baumanns Truppe übernahm an jenem Tag die Verkehrsregelung beim „Tag des offenen Denkmals“ auf Schloss Berlepsch bei Witzenhausen.

Mit dabei: die beiden Kasseler Neonazis David R., Obergefreiter der Reserve, 43 Jahre alt und bis 2010 Vize-Vorsitzender der nordhessischen NPD, und Roman W., 23 Jahre alt und ungedient. Fünf Tage später wurden sie von der Polizei erwischt, wie sie in Kassel rechte Parolen sprühten. Am Vorabend einer antifaschistischen Demonstration sollen sie etwa das Holocaust-Mahnmal auf dem Uni-Campus mit den Worten „Braun statt Bunt“ beschmiert haben. Und an anderer Stelle fand sich unter der Sprayerei die Signatur „FWKS“: Freier Widerstand Kassel. Gegen beide Männer, die auch als Teilnehmer von rechtsextremen Demonstrationen aufgefallen sind, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Beim Reservistenverband aber merkte niemand etwas.

Unterstützung vom Verfassungsschutz

Mehrfach konnten sich die Neonazis an Aktionen der „Marschgruppe“ beteiligen. Auch beim „Internationalen Hürtgenwaldmarsch“, mit dem alljährlich an die größte Abwehrschlacht der nationalsozialistischen Wehrmacht gegen die US-Armee im Hürtgenwald (Eifel) erinnert wird, durften sie mitmachen. „Auf der Stirn haben sie es ja nicht stehen“, sagte Rudolf Dostal, Organisationsleiter der Kreisgruppe Kurhessen im Reservistenverband. Und informiert habe den Verband leider niemand. Der Landesvorsitzende der Reservisten, der Frankfurter Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP), forderte darum mehr Unterstützung durch Verfassungsschutz und Militärischen Abschirmdienst (MAD): „Wir müssen durch die Dienste in Kenntnis gesetzt werden, welche Informationen vorliegen“, sagte Stein im Hessischen Rundfunk (HR). Und das müsse automatisch geschehen. Bislang verweigere der MAD dagegen sogar die Weitergabe von Erkenntnissen.

Für Roman W. und David R. ist die Zeit des Soldatspielens in der Reservistenkameradschaft vorbei. Man habe Glück gehabt, heißt es bei der Kreisgruppe Kurhessen: Der eine Neonazi sei ohnehin noch nicht formal in den Verband aufgenommen worden, den anderen habe man wegen Beitragsrückständen ausgeschlossen – was nach FR-Informationen allerdings erst geschah, nachdem der HR die rechten Kameraden am Wochenende enttarnt hatte.

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  9 | 12 | 2011
Kommentare:  1
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