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Nordend: Bleiben bedeutet Luxus

Studenten und Künstlern wird das Nordend zu teuer. Für die, die das Viertel aufgebaut haben, könnte nach der zigsten Luxussanierung bald kein Platz mehr sein. Von Sandra Busch

In der Günthersburgallee werden Wohnungen saniert, die danach bestimmt nicht billiger sein werden.
In der Günthersburgallee werden Wohnungen saniert, die danach bestimmt nicht billiger sein werden.
Foto: FR/Djeddi

Bedroht. Vertrieben. Schutzlos. So fühlen sich Bürger im Nordend. Wenn es beispielsweise um Wohnungen geht. Auch die alteingesessene Anwohnerin der Schwarzburgstraße denkt so. Und sie fürchtet sich.

Vor kurzem wechselte bei ihr der Hausbesitzer. "Alle sollen nun langsam entfernt werden", erzählt sie beim Bürgerforum "Sozialer Wandel im Nordend" am Donnerstagabend. "Balkone will der neue Besitzer anbieten, alles luxussanieren."

Sie macht sich Sorgen. Um das, was man früher Hausgemeinschaft nannte. Und was heute "soziale Mischung" heißt: Paare mit Kindern, Einkommensschwache, Plegebedürftige, alles unter einem Dach. "Die Mischung ist hoch bedroht", sagt die Schwarzburgerin.

Und nicht nur in ihrem Haus. Aus der gesamten Straße höre sie immer wieder von Verkäufen, Luxussanierungen, Auszügen. Denn nicht jeder kann sich nach Anbau von Balkon oder Einbau von Fußbodenheizung das Nordend noch leisten.

Der Luxus macht vielen Nordendlern Sorgen. Sie fürchten Investoren, die den Stadtteil als attraktives Viertel entdecken. Die ihr angestammtes Heim in Eigentum umwandeln wollen, die ihre schlichte Wohnung zum Luxusappartement aufmotzen und sie mit höheren Mieten vertreiben.

Sie, die Studenten, Arbeiter, Künstler, die das Viertel hochgebracht haben. "30 Jahre kann ich das nun schon verfolgen", sagt eine Anwohnerin der Rotlintstraße. 30 Jahre, in denen aus dem Studentenquartier allmählich ein Viertel Besserverdienender wird. "70 Prozent aller Menschen von früher sind nicht mehr hier." Ihnen ist das Nordend zu teuer geworden. Wer bleibt, das sind die mit dem Geld.

60 sind zum Bürgerforum gekommen. 60 von 54.000 Nordendlern. Sie machen sich Luft und diskutieren mit Experten wie die Stadt in diese Entwicklung eingreifen könne. Eingreifen muss, folgt man Sozialwissenschaftler Andrej Holm.

Nach ihm ist eine Konzentration von Mittelschicht in einem Viertel nicht gesund. Für die ganze Stadt nicht. "Es ist ein Ausdruck von Segregation." Also getrennt lebenden Bevölkerungsgruppen.

Für Martin Hunscher vom Planungsamt ist das Nordend "kein Problemgebiet". Und die Stadt könne "aktiv und unmittelbar nichts tun, um auf die soziale Struktur einzuwirken". Nur mittelbar gehe das. Mit Wohnungsbauförderung oder mit einem Milieuschutz, bei dem die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung erhalten bleiben soll. Aber das seien keine Allheilmittel, meint Hunscher.

Andrej Holm hat da noch andere Ideen auf Lager, um die "gesunde Mischung" zu erhalten: Kündigungsschutz auf zehn Jahre ausweiten, Wohnungsbaugesellschaften anregen, nicht die maximale Miete zu nehmen, das Festlegen von Miet-Obergrenzen.

Holm wendet aber auch ein: "Die soziale Entwicklung sollte nicht allein den Stadtpolitikern und Behörden überlassen werden." Nachbarschaften sollten sich organisieren, regelmäßig über Miethöhen austauschen und ungenehmigte Baustellen melden. "Denn Bewohner sind die besseren Stadtplaner, manchmal auch die bessere Verwaltung."

Autor:  Sandra Busch
Datum:  21 | 3 | 2009
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