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Nordhessen: Milde Urteile für Neonazis

Vier Angeklagte standen wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht in Schwalmstadt. Der Jugendrichter ließ sie glimpflich davon kommen.

Kaum eine Stunde war nach dem Überfall vergangen, da klingelte bei einem Freund des Opfers das Handy. Die nächtliche Botschaft des anonymen Anrufers: Einen von euch haben wir schon - du bist der nächste. Wer mit "wir" und "euch" gemeint war, erfuhr der junge Mann erst am nächsten Morgen. Da hörte der Schüler, dass sein 20-jähriger Kumpel nachts im nordhessischen Todenhausen von Mitgliedern der rechtsextremen Kameradschaft "Freie Kräfte Schwalm-Eder" (FKSE) angegriffen und misshandelt worden war.

Elf braune Kameraden sollen an der heimtückischen Attacke beteiligt gewesen sein. Vier von ihnen mussten sich am Mittwoch wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht in Schwalmstadt verantworten. Und Jugendrichter Erhard Glaessel ließ die Angeklagten glimpflich davon kommen. Florian B. (21) und Daniel G. (19), die beide vor Gericht schwiegen, kassierten eine Woche Dauerarrest.

Alexander S. (19), wie sein Verteidiger Dirk Waldschmidt Aktivist der rechtsextremen NPD, muss 50 Stunden gemeinnützige Arbeit wegen Beihilfe leisten. Das Verfahren gegen André H. (20) wurde gegen Zahlung einer Geldbuße von 800 Euro eingestellt.

Die zwei letzteren hatten zwar zugegeben, mit den anderen nach

Todenhausen gefahren zu sein angeblich nur, wie Alexander S. behauptete, um die Fenster beim alternativen Jugendclub zu "entglasen". Doch sie wollten sich weder an der Schlägerei beteiligt, noch irgendetwas vom Tun ihrer Kameraden gesehen haben. Jedenfalls nicht genug, um die Schläger zu benennen. Es sei zu dunkel gewesen, und außerdem hätten sich ja auch alle vermummt. Auch die drei Überfallenen konnten ihre Widersacher deshalb nicht identifizieren. Wohl aber eindrucksvoll schildern, was ihnen die Angreifer angetan hatten.

Demnach hatten die Rechten zuerst einer 18-Jährigen das Handy so brutal aus der Hand geschlagen, dass ihr die Bänder im rechten Daumen rissen. Dann nahmen sie den 20-Jährigen ins Visier, der für sie eine "Zecke" und ein "Scheiß-Antifaschist" war. "Ich hörte, wie neben mir ein Stein aufkam", erzählte der Schüler. Dann hätten ihn zwei der laut Anklage "apfelgroßen Steine" getroffen, er sei zu Boden gezogen und an den Haaren über die Straße gezerrt worden während die Rechten reihum auf ihn eintraten. "Ich habe die Tritte nicht gezählt", sagte er. "Ich war nur froh, als es irgendwann aufhörte." Später, als sie im Auto saßen und flüchteten, sollen sich die FKSEler darüber beklagt haben, dass ihre Zehen vom vielen Treten weh taten.

Die telefonische Drohung der braunen Schläger, dass bald die nächsten Linken an die Reihe kämen, sollte kurz darauf wahr werden: Nur wenige Wochen später wurde das Zeltlager der Linksjugend Solid am Neuenhainer See überfallen und eine 13-Jährige schwer am Kopf verletzt. Der deshalb zu zwei Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilte Haupttäter Kevin S. war auch in Todenhausen dabei. Ihm und fünf weiteren Beteiligten soll am 2. September in Schwalmstadt der Prozess gemacht werden.

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  2 | 7 | 2009
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