Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

30. April 2012

Odenwaldschule: "Man hat Taten verjähren lassen"

Anhaltendes Schweigen: Die sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule ist noch immer nicht aufgearbeitet, beklagt Markus Bocklet. Foto: Getty Images

Vor zwei Jahren versprachen alle, die sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule aufzuklären, den Opfern zu helfen und neue Taten zu verhindern. Doch dieses Versprechen sei gebrochen worden, sagt der Grünen-Sozialpolitiker Marcus Bocklet.

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Andreas Arnold

Marcus Bocklet sitzt für die Grünen im hessischen Landtag. Der Frankfurter Abgeordnete befasst sich mit Jugend- und Sozialpolitik. Er ist der zuständige Berichterstatter für die Petition einer ehemaligen Odenwaldschülerin.

In ihrer Petition hat sie vor zwei Jahren den Landtag aufgefordert, die sexuellen Übergriffe früherer Jahrzehnte aufzuklären, sich für die Entschädigung der Opfer einzusetzen und Bedingungen zu schaffen, damit es keine neuen Taten gibt.

Vor zwei Jahren sorgten die Enthüllungen über systematische sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche an der Odenwaldschule für Aufregung. Was ist seither geschehen?

Die Odenwaldschule hat damals gesagt, sie werde eine rückhaltlose Aufklärung in Auftrag geben und alles dafür tun, dass die Umstände der Taten schnell aufgeklärt werden. Nach zwei Jahren muss ich feststellen, dass die Schule die wissenschaftliche Aufklärung noch immer nicht in Auftrag gegeben hat. Das ist der Bruch eines Versprechens. Das empört mich zutiefst. Zwei Jahre sind genug!

Woran liegt dieses Versäumnis nach Ihrer Einschätzung?

Man könnte innerhalb weniger Wochen eine wissenschaftliche Aufklärung beauftragen. Es bestätigen sich die unzähligen Berichte, dass das mit internen Kämpfen in der Schule zu tun hat, die offensichtlich diese Aufarbeitung lähmen. Die Schulleitung hat mir geantwortet, sie wolle sich dazu nicht äußern, weil der Trägerverein dafür verantwortlich sei. Da herrscht eine organisierte Unzuständigkeit.

Weisen öffentliche Institutionen der Schule trotzdem noch Schüler zu?

Einige Landkreise weisen keine Jugendlichen mehr zu. Andere tun das weiterhin. Da gibt es offensichtlich unterschiedliche Einschätzungen über die Schule.

Bereits 1999 hatte die FR die Missbrauchsfälle an der Schule öffentlich gemacht. Als der Skandal vor zwei Jahren endlich breit diskutiert wurde, haben die Ministerien in Wiesbaden zugesagt, Ihnen Einsicht in die Behördenberichte zu geben. Was haben Sie herausgefunden?

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass man 1999 oberflächlich mit dem Thema umgegangen ist. Der Jugend- und der Schulminister haben Dienst nach Vorschrift gemacht. Sie haben nachgefragt und sich mit ganz einfachen Antworten zufriedengegeben. Das grobe Versäumnis ist aus meiner Sicht, dass man nicht intensiv nachgefragt hat, dass man das Umfeld nicht ausgeleuchtet hat, dass die Heimaufsicht damals ihrer Aufsichtspflicht gegenüber den Kindern mangelhaft nachgekommen ist.

Was hätten die Ministerien denn herausfinden können?

Genau das, was man erst elf Jahre später herausgefunden hat: Es gab nicht zwei Opfer und einen Täter, sondern 135 Opfer und mindestens fünf Täter. Das Justizministerium behauptet heute noch, es hätte 1999 alles Menschenmögliche unternommen, um Ermittlungen anzustellen, ob noch weitere Opfer betroffen waren. Diese Aussage kann nachweislich nicht richtig sein. Hätte die Staatsanwaltschaft richtig recherchiert, dann hätte sie schon damals herausfinden können, dass es 135 Opfer gab, und viele dieser Straftaten noch nicht verjährt waren. Das ist ein klares Versäumnis.

Sieht das Justizministerium das anders?

Das Justizministerium sieht keinerlei Versäumnisse. Aber das logische Zusammenlegen der Fakten von damals und heute zeigt, dass die Mehrheit der betroffenen Schüler damals nicht von der Staatsanwaltschaft befragt worden ist. Die Ermittlungen waren offensichtlich so grob fahrlässig, dass man die Taten in die Verjährung hat kommen lassen. Man hätte viele Täter zur Rechenschaft ziehen können. Das Versäumnis heute ist, dass man diesen Fehler von damals nicht eingesteht.

2010 waren alle entsetzt, dass der Skandal elf Jahre davor nicht richtig bearbeitet worden war. Muss man 2012 feststellen, dass er nun wieder nicht richtig aufgearbeitet wurde?

Alle in der Politik haben eine Kultur des Hinschauens versprochen. Dazu gehört auch eine Kultur des ehrlichen Aufarbeitens und das Ziehen von deutlichen Konsequenzen. Ein hohes Engagement der jetzigen Landesregierung sehe ich nicht. Jetzt wird ein Aktionsplan gegen sexuelle Gewalt angekündigt. Auch das hat zwei Jahre gebraucht, dabei ist er noch immer nicht in Kraft. Wir brauchen eine Opferberatungsstruktur. Und wir brauchen eine durchgehende Fortbildung von Richtern, Sozialarbeitern oder Lehrern – allen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Man muss auch feststellen, dass die Schulleitung alles unterlässt, was zu einer schnellen, empathischen Lösung für die Opfer führen könnte.

Was könnte sie tun?

Sie hat selbst gesagt: Wir wollen eine unkomplizierte Lösung der Entschädigung für die Opfer. Jetzt stelle ich fest: Sowohl die Höhe der Entschädigung von 1000 Euro ist ein Hohn als auch die Verfahren, die zutiefst langwierig, im Ton herablassend und entwürdigend sind. Es bedarf eines neuen Opferentschädigungsverfahrens. Auch die Rahmenbedingungen in der Schule müssen sich verändern.

Wie denn?

In der Schule gibt es unzählige Zuständigkeiten, aber nach wie vor übernimmt keiner die Hauptverantwortung. Und: Das entscheidende Problem aus meiner Sicht war das Familienprinzip, bei dem der Lehrer abends auch Erzieher ist. Dadurch übt er eine ungeheure Macht aus. Ein Schüler, der von so einer Person belästigt wird, hat große Schwierigkeiten, das öffentlich zu äußern. Ich habe mich mehrfach und nachhaltig dafür eingesetzt, dieses Prinzip zu ändern. Die Odenwaldschule will daran festhalten. Damit erhält sie diese machtvolle Nähe aufrecht. Ich bin der Auffassung, dass im Internatsbetrieb Lehrer- und Erzieherfunktion strikt getrennt werden müssen. Es muss uns um das Kindeswohl gehen, und nicht um pädagogische Grundsatzstreits.

Das Interview führte Pitt von Bebenburg

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