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Odenwaldschule: Eine Hauruck-Reform

Mit einem Generationswechsel in die Zukunft: Die Odenwaldschule hat sich nach dem Missbrauchs-Skandal neu aufgestellt. Aber nicht alle sind zufrieden.

Der Trägerverein der Odenwaldschule hat seinen Vorstand ausgewechselt.
Der Trägerverein der Odenwaldschule hat seinen Vorstand ausgewechselt.
Foto: dpa

Heppenheim. Der Trägerverein der Odenwaldschule hat im südhessischen Heppenheim rund 30 neue Mitglieder aufgenommen und seinen Vorstand ausgewechselt. Er wolle helfen, die Schule wieder in ruhiges Fahrwasser zu steuern, sagte der neue Vorsitzende, Michael Frenzel aus Langenselbold (Main-Kinzig-Kreis). In den Vorstand wählte der Trägerverein auch einen 55 Jahre alten ehemaligen Schüler, der zu den Opfern der zahlreichen sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule zählt.

Der Wechsel ging an dem für seine Reformpädagogik bekannten Eliteinternat nicht ohne Spuren ab. Gleich zu Beginn des zweitägigen Treffens gab es Rücktritte. Die neue Mannschaft mit ihren fünf Vorständen soll die Schule nun umkrempeln. Nach einem neuen Bericht wurden von Ende der 1960er bis Anfang der 1990er Jahre etwa 50 Schüler missbraucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

"Das war schon heftig. Die Vehemenz hat mich umgehauen", schilderte Schulleiterin Margarita Kaufmann den Verlauf der nichtöffentlichen Versammlung. Noch kurz vorher hatten sich Reformer und Traditionalisten heftig bekriegt. Beobachter berichteten, die Flut der E-mails sei kaum noch zu überblicken gewesen, es habe Diffamierungen gegeben. Die Zukunft der Privatschule habe auf der Kippe gestanden.

Nun ist im Vorstand sogar ein Missbrauchsopfer vertreten. "Diese Mitarbeit ist für mich wichtig", sagte Adrian Koerfer. "Meine Tochter macht gerade an der Odenwaldschule Abitur." Der 55-Jährige war von 1968 bis 1975 an dem Internat. Er verwies auf mangelnde Aufklärung in dieser Zeit. "Wir kamen an die Schule, hatten von Sexualität keine Ahnung. Wir dachten, Sexualität sei das, was da passierte."

"Wir wollten, dass die Wahl schnell geht", sagte Philipp Sturz, der am Ende des Treffens als Sprecher des Trägervereins zurücktrat, planmäßig, wie es hieß. "Wir haben den Willen zum Neuanfang." Der 48- Jährige sprach von einer "neuen Odenwaldschule". Dass auch unter den neuen Mitgliedern im Trägerverein Missbrauchsopfer sind, wertete Sturz als ein besonders gutes Signal. "Einen besseren Vertrauensbeweis gibt es nicht."

Geleitet wurde die Versammlung von der ehemaligen Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte Tilmann. "Es war wichtig, dass wir zu einem Ergebnis gekommen sind," begründete sie den Verzicht auf Einzelabstimmungen. "Das hätte eine Mordsdiskussion gegeben." Ihre Analyse der sexuellen Übergriffe: "Es gab Verbrecher an dieser Schule - und ein Umfeld, dass dies ermöglicht hat."

Nicht alle waren mit diesem Tempo einverstanden. Otto Herz, früherer Schüler der Odenwaldschule, war immerhin seit Mitte der 1970er Jahre im Trägerverein. Er erklärte noch bei der Sitzung erbost seinen Austritt. "So ein Vorgehen kenne ich aus dem Sozialismus", machte der 66-Jährige seinem Ärger Luft. Kritiker seien "einfach niedergestimmt" worden. "Es war nicht möglich, für verschiedene Wahlvorschläge verschieden abstimmen zu können." Für ihn sind damit demokratische Prinzipien verletzt worden. Eine "neue Odenwaldschule" wie Sturz sieht Herz nicht. "Neuanfang?", fragt er. "Es gab doch 1945 auch keine Stunde Null."(dpa/ddp)

Datum:  29 | 5 | 2010
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