Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

16. April 2010

Original und Fälschung: Das betrogene Auge

 Von Claus-Jürgen Göpfert
Sieht echt aus, ist aber digital aufgemotzt. Foto: Museum für Kommunikation

Im Frankfurter Museum für Kommunikation sind digitale Bildfälschungen bis zum 24. Mai in einer Ausstellung zu sehen. Am 24. April lernen Besucher die Kunst der Manipulation. Von Claus-Jürgen Göpfert

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Alles Lug und Trug. Das Auge des Betrachters kann getäuscht, betrogen, manipuliert werden. Die Geschichte der Bildfälschung "ist fast so alt wie die Geschichte der Fotografie", sagt Klaus Beyrer. Der Sprecher des Museums für Kommunikation in Frankfurt erinnert etwa an Stalin. Der sowjetische Diktator ließ die Abbilder von politischen Weggefährten, die in seinem Auftrag ermordet worden waren, von Fotografien tilgen.

Und Hans, genannt "Doc" Baumann, der legendäre König der deutschen Bildbearbeiter, erzählt von den aktuellen Beispielen: Als die israelische Luftwaffe im jüngsten Libanon-Krieg Beirut bombardierte, wurden die Rauchwolken, die aus der Stadt aufstiegen, auf Fotos digital vergrößert. "Bildbearbeitung hat stets eine ethische und politische Dimension, eine interessengeleitete Seite", urteilt der 59-Jährige.

Nur Rennen keine Flut.
Nur Rennen keine Flut.
Foto: Museum für Kommunikation

Im Frankfurter Museum sind digitale Bildfälschungen jetzt bis zum 24. Mai in einer Ausstellung zu sehen. "Doc" Baumann hatte 2002 das Magazin "Docma" gegründet, das sich ausschließlich der digitalen Bildbearbeitung widmet. Und seit sieben Jahren vergibt es den jährlichen "Docma Award" - 2009 hieß das Motto des Wettbewerbs: "Richtig falsch". Gekürt wurde die beste Bildfälschung - in verschiedenen Kategorien.

Eine Kunst für sich

Zum Beispiel die Arbeit von Roland Steffen. Der Schweizer ist eigens zur Ausstellung aus seiner Heimatstadt Ormalingen bei Basel angereist: Er gewann den ersten Preis in der Teilnehmerklasse der "Semiprofis". Der 63-jährige Ingenieur erinnert sich noch gut an den Tag, als der Wirbelsturm "Lily" die kubanische Hauptstadt Havanna getroffen hatte.

Die Stromversorgung brach zusammen, das Meer tobte, Hotelgäste durften nicht aus dem Haus, aber Steffen schlug sich mit seiner Kamera dennoch an die Uferpromenade Malecom durch. Da entstand dann auch das Bild der spektakulären Welle, das er später mit den spielenden Kindern am Malecom verschmelzen ließ.

Der Preis, erzählt Steffen, wurde in seinem Fotoclub "Novartis" in Basel groß gefeiert. Mittlerweile gibt der Hobby-Fotograf selbst Kurse für Bildbearbeitung, ist in Frührente gegangen, um mehr Zeit für die Fotografie zu haben. Der Schweizer gibt ein Beispiel für den Standard, den dank moderner Computertechnik heute begabte Amateure erreichen können.

Andere Fälschungen in der Ausstellung zeigen einen Jumbo-Jet, der gerade zur Landung auf einer Autobahn ansetzt oder einen aufsehenerregenden Suizid: Ein kranker 86-jähriger Mann stürzt sich mit seinem Cabrio von einer Bergstraße in die Tiefe - und drückt dabei ein letztes Mal auf den Auslöser seiner Kamera. Was hier noch spielerisch wirkt, besitzt natürlich eine ernste Dimension. Welcher Fotografie ist eigentlich noch zu trauen? "Jedes Bild, das heute in den Medien auftaucht, ist digital bearbeitet", sagt "Doc" Baumann. Die Grenzen hin zur Fälschung geraten immer fließender.

Da gibt es den Tourismus-Katalog, in dem Fotos von Hotels in idyllischer Umgebung zu finden sind - die nahen Baustellen oder die vielbefahrene Straße in der Nachbarschaft ließ man per Bearbeitung verschwinden. "Das ist Fälschung", urteilt Baumann. In der Werbung dagegen sei die "Optimierung", wie es die Branche nennt, fotografischer Originale an der Tagesordnung. Vor staunendem Publikum lässt der "Doc" aus dem Foto einer jungen Frau ein laszives "Supermodel" entstehen.

In der politischen Fotografie, urteilt der Experte, stoße man noch "relativ selten" auf explizite Fälschungen. Aber auch hier sind durch die technischen Möglichkeiten der Manipulation Tür und Tor geöffnet. So schafft der "Doc" aus Bildern von Kanzlerin Angela Merkel und des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und seiner Ehefrau recht schnell ein inniges Paar Merkel/Koch.

Das Museum für Kommunikation präsentiert eine Auswahl von 50 Wettbewerbsbeiträgen des "Docma"-Ward. Fünfzehn Juroren hatten die Preisträger Anfang September 2009 auf Schloß Rauischholzhausen bei Gießen ermittelt. Das April-Heft des "Docma"-Magazins dokumentiert alle Gewinner.

Baumann sieht den Wettbewerb und die Ausstellung als Beitrag, um die Bürger "für digitale Fälschungen zu sensibilisieren". Längst helfen er und seine Fachleute aber auch Experten der Kriminalpolizei, "ihr Handwerkszeug zur Entlarvung von Fälschungen weiterzuentwickeln".

In der kommenden Nacht der Museen, am Samstag, 24. April, kann jeder Besucher des Museums für Kommunikation selbst zum Fälscher werden. Von 14 bis 17 Uhr gibt es einen Workshop zur Bildbearbeitung, von 19 bis 23 Uhr dann einen weiteren zur digitalen Bildfälschung. Die Besucher können ihre eigene Fotografien mitbringen - und dann lernen, wie sie am Computer zu manipulieren sind.

Digitale Bildfälschungen. Der DOCMA AWARD 2009, 17. April bis 24. Mai, dienstags bis freitags 9-18 Uhr, samstags, sonntags, feiertags von 11-19 Uhr, Museum für Kommunikation, Frankfurt, Schaumainkai 53, 069/60600

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