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Sexueller Missbrauch: Papa hört nicht auf

Zwei Mädchen verhalten sich auffällig. Der Kindergarten ist irritiert. Das Jugendamt tut nichts. Viel zu lange. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Vater. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch.

Zerbrochener Spiegel, zerbrochene Träume
Zerbrochener Spiegel, zerbrochene Träume
Foto: Renate Hoyer

Das Kitzelmonster hat sie in der Nacht wieder gespielt, erzählt Eva (alle Namen von der Redaktion geändert) der Vorschullehrerin. Zusammen mit dem Vater und der großen Schwester Marie. „Der Papa setzt sich immer auf mich und kitzelt mich dann durch“, sagt Eva. Dabei fasse er sie überall an – außer am Kopf. „Ich will das nicht. Das tut mir weh, und ich weine dann“, erzählt sie. Der Papa höre aber auch dann nicht auf. Und die Mutter gucke einen Film – es sei ihr egal, was der Vater mit ihr und der Schwester macht.

Sexueller Missbrauch lautet der Verdacht, warum die Staatsanwaltschaft Gießen ein Ermittlungsverfahren gegen den Vater der beiden Mädchen eingeleitet hat. Sieben und elf Jahre alt sind die mutmaßlichen Opfer. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen nicht nur gegen ihren Vater Günter M. – sondern auch gegen die Mitarbeiter des zuständigen Jugendamts Friedberg.

„Bezüglich der Jugendamtsmitarbeiter muss man sehen, ob sie ihrer Schutzfunktion gegenüber den Kindern nachgekommen sind“, so die Staatsanwaltschaft. „Gegen den Vater ermitteln wir wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs und des Vorwurfes der Misshandlung von Schutzbefohlenen.“ Die Ermittlungen können sich laut Oberstaatsanwalt Wolfgang Thiele noch mehrere Monate hinziehen. Das Jugendamt Friedberg gibt keine Stellungnahme: „Wenn es einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gibt, dann gehen wir dem nach, können aber aus Gründen des Opferschutzes nichts dazu sagen“, so Sprecher Michael Elsaß.

Eva lebt wieder daheim

Schärfste Kritikerin des Jugendamts ist die ehemalige Kinderschutzbeauftragte der Stadt Frankfurt, Katharina Maucher. Zusammen mit einer Gruppe aus Fachkräften hat sie an Hand von Unterlagen, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, die die Entwicklung des Falles der beiden Mädchen dokumentiert. Das Jugendamt ist nach ihrer Meinung zu lange untätig geblieben – und habe dann Maßnahmen getroffen, welche die Gefährdung der Kinder verschärften. „Entweder, wir haben es mit vollkommen unprofessionellen Mitarbeitern zu tun oder mit Familienideologen oder mit verantwortungslosen Menschen, denen das Budget wichtiger ist als der Schutz von Kindern.“

Die Kinder leben bis heute bei ihren Eltern. Ab Juli 2009, als das Amt vom Kindergarten erstmals über den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs informiert worden war, hätten die Mädchen aus der Familie genommen werden müssen, so Maucher. „Das Jugendamt spart 10000 Euro pro Monat, weil es die Kinder in kein Heim schickt.“ Pro Kind koste ein Heimplatz 4000 bis 5000 Euro.

Ein Rückblick: Im Juli 2009 leitet der Kindergarten, den beide Mädchen besucht haben, dem Jugendamt erstmals Unterlagen weiter. Sie beschreiben ein stark sexualisiertes Verhalten der jüngeren Schwester Eva. Sie zieht sich am Anfang ständig aus. Das Mädchen ruckelt auf harter Sitzgelegenheit hin und her, befriedigt sich selbst. Eva sucht starken Körperkontakt zu den Kindergärtnerinnen – kennt keine Distanz zu Erwachsenen. Und das Jugendamt? Keine Reaktion.

Evas Geschichte geht in der Vorschule weiter. Auch dort fällt sie durch Selbstbefriedigung und sexualisierte Sprache auf. „Die tun’s doch miteinander“, kommentiert sie die Puppen Ken und Barbie, die ein anderes Kind dabei hat. Sie vertraut sich der Lehrerin an, dass der Vater sie in das Bein beiße, zeigt ihr blaue Flecken. Die Kleine erzählt ihr von den Kitzelmonsterspielen, dass der Vater regelmäßig die ganze Nacht mit ihr und der Schwester im Bett schlafe – ohne die Mutter.

Auch die Schule reagiert – und versucht im Mai dieses Jahres, das Jugendamt anzurufen. Es ist Freitag: kein Zuständiger erreichbar. Am Montag wird Eva vom Amt mit Verdacht auf Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen. Die Lehrerin interveniert beim Vorhaben des Amtes, Eva bei Oma und Opa unterzubringen: Sie sind die Eltern des Vaters, wohnen im gleichen Haus. Eva wird in ein Heim gebracht. Das Mädchen habe ihr erzählt, sie wolle das nicht, was der Vater mit ihr mache, unterstreicht die Vorschullehrerin die Aussage Evas bei der Mitarbeiterin des Jugendamtes. Die Antwort: „Das ist ja wie Spinatessen, Kinder wollen vieles nicht.“

Eva wird während der Heim-Obhut in der Uniklinik Marburg körperlich und psychologisch untersucht. Fazit: keine körperlichen Spuren sexuellen Missbrauchs. Zwei Tage später kommt sie wieder in ihre Familie. In der Vorschule erzählt sie, der Vater habe geschimpft, weil sie das Geheimnis verraten habe. Und die Mutter? „Die Mama weiß doch, dass ich die Wahrheit gesagt habe, und sagt trotzdem, dass ich lüge“, sagt Eva. Der Vater ruft die Vorschullehrerin einige Tage später tobend an, warnt, sie solle sein Kind in Ruhe lassen.
Das Mädchen überstürzt in Obhut zu nehmen und dann wieder zurück in die Familie zu schicken, sei ein schwerer Fehler des Jugendamts, sagt Katharina Maucher. Körperliche Spuren eines Missbrauchs seien nicht zu erwarten gewesen, denn: „Wir vermuten keine Penetration, sondern dass die Kinder zur Befriedigung des Vaters dienen.“

Darauf deute auch das Verhalten der älteren Schwester Marie hin, sagt Maucher. In Schule und Kindergarten fällt den Erzieherinnen auf, dass sie die Mitarbeit verweigert, immer wieder zum Vater will. Auch sie zeigt sexualisiertes Verhalten, erzählt, dass sie am Morgen meistens müde sei und mit dem Papa noch im Bett liege. Das Mädchen fährt nicht mit auf Klassenfahrt. Die Familie habe das Nacharbeiten von Hausaufgaben boykottiert. Und einen Wechsel in die Parallelklasse beantragt, als die Lehrerin eine vermeintlich zu enge Beziehung zur Tochter aufbaute, berichtet Maucher.

„Alle Merkmale an sexuell missbrauchten Kindern, die wir kennen, und auch das System Familie, in dem der Verdachtstäter nach außen eine fast unterwürfige Rolle spielt und nach innen hin die Strippen zieht, zeigen sich hier,“ sagt die Diplom-Psychologin. Dies habe sich nach einer systematischen Prüfung des Falles beider Mädchen ergeben.

Der Vater ist ein Vereinsmensch

Günther M. ist ein Vereinsmensch. Im Wohnort angesehen, er ist selbstständig. Als das jüngere Mädchen in Obhut genommen wurde, soll er das im Bierzelt erzählt haben. Nach außen hin wirke er kooperativ – in der Familie gebe er den Ton an, so Maucher. „Die Kinder scheinen dem Vater zu gehören“, sagt sie. „Das gibt es öfter, dass der Verdachtstäter eine Art Deal mit der Mutter der Kinder schließt: Du hältst Dich raus, dafür lass ich Dich in Ruhe.“

Auch die Mutter schütze die Kinder nicht – deswegen fordert Katharina Maucher, dass schnell etwas geschieht. Von der Lösung des Jugendamtes – einer gemeinsamen Unterbringung der Kinder zusammen mit der Mutter in einer Traumatherapie – hält sie überhaupt nichts. Vor wenigen Wochen habe die kleine Eva ein Mitglied der Fachrunde getroffen, so Maucher. Sie habe von dem neuen Gartenhäuschen der Familie erzählt. In diesem würden sie, die Schwester und der Vater schlafen. Die Mutter nicht – denn „die hat ja was am Rücken“.

Autor:  Ramona Weise
Datum:  28 | 9 | 2010
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