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Notfallseelsorge: Plötzlich verwundbar

Beim Absturz eines Zeppelins am Rande des Hessentages kann sich Joachim Storch als letzter von drei Passagieren retten. Schon kurz nach dem Absturz ist eine Seelsorgerin zur Stelle. Es gilt ein Trauma zu bewältigen.

Notfallseelsorge ist was für Weicheier, hat Joachim Storch immer gedacht. „Ich meinte, ich sei ein cooler Typ, unverwundbar.“ Nach dem tödlichen Unfall mit dem Luftschiff hat der Fotograf sein Selbstbild korrigiert. Carmen Berger-Zell sei ihm im akuten Schockzustand eine sehr große Hilfe gewesen. „Ich bin sehr dankbar“, sagt der umtriebige 54-Jährige, der sich – als letzter von drei Passagieren – am 13. Juni bei dem Unglück am Rande des Hessentags mit einem Sprung durch das Fenster des brennenden Luftschiffs gerettet hatte. „Es ist Wahnsinn, was Sie leisten.“

Mehr ist von dem Luftschiff nicht übrig geblieben.
Mehr ist von dem Luftschiff nicht übrig geblieben.
Foto: dpa

Pfarrerin Berger-Zell lächelt. Die 44-Jährige hat bei der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau zwei Jobs: Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt IV und in der Notfallseelsorge Wetterau. Eine schwierige Aufgabe, deren Wahl sie mit ihrer Biografie begründet. Sie weiß, wie sich der unerwartete Verlust eines nahestehenden Menschen anfühlt.

„Ich habe persönlich schon Krisen durchlebt“, sagt sie und erzählt später, dass ihr Mann bei einem Marathonlauf starb. Sie weiß, wie das ist, „wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird.“ In solchen Momenten möchte sie für andere da sein.

Der Absturz des Hessentags-Zeppelins

Bildergalerie ( 14 Bilder )

Joachim Storch war zwar nicht alleine, als sie rund eine Stunde nach dem Unglück den Raum des Flughafens Reichelsheim betrat. Doch er fühlte sich so. Er saß als einziger auf dem Boden, von wo aus er sich mit den anderen beiden Passagieren unterhielt. Instinktiv taten sie das richtige, meint die Pfarrerin: „Es ist gut und richtig zu reden, erstmal zu realisieren, was passiert ist.“ Nach einem Schockerlebnis fokussierten sich sämtliche Gefühle nach innen. „Man ist wie in einer Blase, alles was außen ist, ist wie im Nebel.“ Der Fotograf nickt und betont, wie wichtig es war, nach all den Uniformierten und Behelmten von Polizei und Rettungsdienst endlich ein mitfühlenden Gesicht, einen Zivilisten vor sich zu haben. „Das war ein gutes Gefühl.“ Carmen Berger-Zell habe sich neben ihn auf den Boden gesetzt und den „entscheidenden Satz“ gesagt, der das Reden leichter machte, und ihn von seinen höllischen Kopfschmerzen befreite: „Trinken Sie doch mal einen Schluck Wasser.“ Und sie reichte ihm Traubenzucker, ergänzt die 44-Jährige. Der Fotograf, der immer wieder sein Gesicht in den Händen vergräbt, blickt sie an: „Ja, das war super toll.“

Schocks zerstören Handlungsmöglichkeiten

Ein Schock verursacht einen Adrenalinschub, der den Körper auf Hochspannung treibt, ihm einen Teil seiner Handlungsmöglichkeiten, etwa das Trinken, nimmt, weiß die Unfallseelsorgerin, die vor dem Studium Krankenschwester lernte. „Wir bieten im Wesentlichen Begleitung, sind da und schauen was der Mensch braucht, dass er baldmöglichst wieder handlungsfähig ist.“ Das können praktische Hilfen sein, die wärmende Decke, ein Anruf bei Freunden oder der Traubenzucker für Joachim Storch, Gespräche, oder ein Vater-unser. Jüngst begleitete die 44-Jährige einen Polizisten, der die traurige Nachricht über den plötzlichen Tod eines 24-Jährigen überbrachte. „Das Beten hat der Familie viel Halt gegeben.“ Religion kann Trost bieten, sagt die Pfarrerin, die überkonfessionell hilft. Sie trifft aber auch auf Menschen, die nach einem Schicksalsschlag mit Gott hadern. „Das ist etwas, was ich aushalten muss.“ Um das durchzustehen helfen ihr Supervision und Gespräche mit den Kollegen, sagt die 44-Jährige. Schwierig werde es für sie, wenn Kinder zu Schaden kommen: Der Tod eines zehn Wochen alten Säuglings habe sie lange belastet.

Joachim Storch saß nur zweieinhalb Stunden mit dem Australier in der Gondel des Luftschiffs, der bei dem Unfall starb. Doch sein Tod und die schrecklichen Schreie gehen ihm nicht aus dem Kopf. Jeden Morgen um 5 Uhr wird er wach und grübelt darüber, warum Mike Nerandzic sich nicht aus dem Luftschiff gerettet hatte. Antworten erhofft er sich von der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, der er seinen Fragenkatalog zusandte. Das Unglück hat seinen Alltag entschleunigt.

Seelsorgerin Carmen Berger-Zell ist da, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen.
Seelsorgerin Carmen Berger-Zell ist da, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen.
Foto: privat

Manchmal ertappt er sich dabei, dass er am Schreibtisch sitzt und aus dem Fenster schaut. Oder das schlimme Erlebnis holt ihn beim Autofahren ein.

Der Schock sitzt tief. Gleichwohl hat er gleich am nächsten Tag wieder gearbeitet. Eine gute Entscheidung, sagt Pfarrerin Berger-Zell. „Normalität hilft, das erlebte Ereignis zu bewältigen.“ Auch sein intaktes persönliches Umfeld helfe dabei, die schrecklichen Bilder zu vergessen. „Das ist die beste Medizin“, sagt die Seelsorgerin. In der Regel lösten die Selbstheilungskräfte nach vier bis sechs Wochen Probleme mit Schlaflosigkeit oder Ernährung. „Nur 20 Prozent brauchen eine Traumatherapie“, sagt die 44-Jährige.

Dass der Fotograf noch nicht über den Berg ist, ist also normal. Vier Kilogramm hat er abgenommen und entschieden, nicht mehr auf Teufel komm raus den starken Mann zu mimen. Er werde kein Luftschiff und auch keinen Heißluftballon mehr betreten. „Da steig ich nie, nie wieder ein. Beim Landen ist der Pilot völlig machtlos“, weiß er heute.

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  2 | 7 | 2011
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