Samstagmorgen kurz vor zehn in Wiesbaden-Erbenheim: In der Luft kreist ein Hubschrauber, am Boden patrouillieren seit Stunden Hundertschaften der Polizei und riegeln sämtliche Zufahrtswege ab. Der Vorort gleicht einer Festung. Wer hinein möchte, wird kontrolliert. Es gilt, zwei Gruppen voneinander fernzuhalten: 150 Mitglieder der rechtsgerichteten "Jungen Nationaldemokraten" (JN), der Jugendorganisation der NPD, sowie laut Polizeiangaben rund 1500 Sympathisanten des "Bündnisses gegen Rechts".
Die Rechten demonstrieren an diesem 65. Jahrestag des Kriegsendes von 1945 in Erbenheim unter dem Motto "Gegen Folterknechte und Kriegstreiberei - kein US-Hauptquartier in Wiesbaden". Die Gegendemonstranten fordern "Nazis raus". Die erlaubte Kundgebung der Rechten sollte zunächst durch die Wiesbadener Innenstadt verlaufen, wurde dann aber von den Behörden in den Vorort verlegt. Dort versammeln sich JN-Mitglieder am Bahnhof, die Gegendemonstranten an der Hauptstraße. Die rivalisierenden Gruppen trennt ein gut 500 Meter breiter Sicherheitskorridor, versperrt mit Gittern und bewacht von Hunderten Polizeibeamten. Selbst Sichtkontakt beider Gruppen ist kaum möglich.
Einsatzfahrzeuge reihen sich aneinander, Polizisten stehen dicht an dicht. Über die genaue Mannschaftsstärke gibt die Polizei keine Auskunft, Schätzungen zufolge sind jedoch deutlich mehr als 1000 Beamte aus Hessen und angrenzenden Bundesländern im Einsatz. Die Szenerie wirkt wie aus einem Film, das laute Knattern des Hubschraubers verstärkt den Eindruck. "Unheimlich" findet das eine Anwohnerin. Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, "all das Schreckliche damals. Was hier heute los ist, verschlägt mir die Sprache".
Ein paar Schritte entfernt steht Alex (19), der nur seinen Vornamen nennen möchte. Mit drei Freunden ist er um fünf Uhr morgens in der Wetterau losgefahren, um in Erbenheim gegen den Aufmarsch der Rechten zu demonstrieren. Er ärgert sich: "Wir werden eingekesselt, während die mit Sonderzügen hergefahren werden und sich auf den Weg machen dürfen."
Inzwischen haben sich die 150 JN-Anhänger - angekündigt waren 300 - am Bahnhof versammelt. Gegen zwölf Uhr macht sich die Gruppe Schwarzgekleideter auf den Weg zum Flugplatz Erbenheim, begleitet von mindestens ebenso vielen Beamten. "Frei, sozial und national" skandieren die Demonstranten im Stakkato, die Stimme des Redners tönt schnarrend aus einem Lautsprecher.
Nationalsozialistische Parolen und Symbole sind den NPD-Anhängern verboten, ebenso Bomberjacken und Springerstiefel. Die Teilnehmer marschieren in Turnschuhen - darunter Fabrikate von US-Herstellern. Viele der überwiegend männlichen Demonstranten tragen Sonnenbrillen, Baseballkappen und Halstücher, die sie bis über den Mund gezogen haben. Sie wollen nicht erkannt werden. Unter den Demonstranten ist Udo Pastörs, wegen Volksverhetzung verurteilter NPD-Fraktionsvorsitzender aus Mecklenburg-Vorpommern. "Nazis raus" rufen zahlreiche Anwohner, als die Gruppe vorbeizieht.
Unterdessen machen sich die Gegendemonstranten auf den Weg Richtung Wiesbadener Hauptbahnhof, ebenfalls in Polizeibegleitung. Unter den Teilnehmern des "Bündnisses gegen Rechts" sind Vertreter von SPD, Grünen und der Linkspartei. Einige Gegendemonstranten verteilen Brote mit Nuss-Nougat-Creme, dazu einen Zettel: "Wenn schon braun, dann Nutella" ist darauf zu lesen.
Der Tag sei "weitgehend friedlich" verlaufen, resümiert ein Sprecher der Polizei am Abend. Festnahmen habe es ausschließlich auf Seiten der Gegendemonstranten gegeben, meist wegen Angriffen auf Polizeibeamte. Außerdem habe Pfefferspray eingesetzt werden müssen, da Gegendemonstranten versucht hätten, Sperren zu durchbrechen.

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