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23. Januar 2013

Polizei Wiesbaden Rassismus: Erneut Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei

 Von Bastian Beege
Der Tatort in Mainz-Kastel. Foto: Michael Schick

Ein Mann wird Zeuge einer Schlägerei, will schlichten - und wird dabei angeblich von Polizisten brutal misshandelt. Das Opfer und diverse Zeugen glauben an einen weiteren Fall von polizeilichem Rassismus: Der Mann ist gebürtiger Iraner.

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Er wollte einen Streit schlichten – und wurde dafür von Polizisten auf üble Weise misshandelt. So berichtet es Syrus Kar, 50 Jahre alt, geboren im Iran, wohnhaft in Wiesbaden. Tatort Mainz-Kastel, Mainzer Straße, 29. Dezember 2012: Kar wird eigenen Angaben zufolge zufällig Zeuge einer Schlägerei in einem Lebensmittelladen. Zwei Polizeistreifen treffen ein, anstatt jedoch den Streit zu schlichten, gehen die vier Beamten (drei Frauen und ein Mann) draußen auf dem Bürgersteig unvermittelt auf Kar los.

Zunächst hätten sie ihn nur an den Händen festgehalten. „Dann haben sie mich brutal auf den Boden geworfen und sich mit ihrem schweren Körpergewicht auf mich gesetzt“, berichtet Kar. „Ein Polizist hat mir Dreck in den Mund gestopft und mir Nase und Mund zugehalten, so dass ich keine Luft mehr bekam.“ Kar muss sich mehrmals übergeben. Ein anderer Polizist habe ihm außerdem den Hals und die Hände verdreht, anschließend Handschellen angelegt. Zahlreiche Zeugen beobachten den Vorfall, weisen die Polizisten auf den Irrtum hin, sagen, dass Syrus Kar mit dem eigentlichen Vorfall gar nichts zu tun gehabt habe. „So etwas zu sehen, tut schon weh“, berichtet etwa der Lebensmittelladenbesitzer in der Mainzer Straße ratlos. „Wieso verhalten sich Polizisten so brutal?“

"Jetzt kennen wir Sie."

Ein Junge macht ein Video mit seiner Handykamera. Erst als sich immer mehr Menschen beschweren, sollen die Beamten von Kar abgelassen haben. Auf dem Polizeirevier von Mainz-Kastel geht dessen Martyrium eigenen Angaben zufolge weiter: Trotz starker Schmerzen sei er in einer Zelle eingeschlossen, einige Zeit später dann mit der Drohung entlassen worden: „Jetzt kennen wir Sie.“

Nach dem Vorfall geht Syrus Kar ins Krankenhaus, der medizinische Bericht, welcher der FR vorliegt, bescheinigt ihm mehrere Prellungen und Blutergüsse. Er benachrichtigt einige Menschenrechtsorganisationen, welche Kar jetzt davon überzeugt haben, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Übergriffe durch Polizisten sind leider kein Einzelfall“, sagt Gonca Sariaydin vom Initiativausschuss für Migrationspolitik, einer Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Mainz. Sie untersucht den Fall Kar: „Das Ganze hat eine größere Dimension. Die Leute in dieser Gegend haben Angst. Da scheint mehr los zu sein.“

"Längst kein Vertrauen mehr"

Soll heißen: Der Übergriff in der Mainzer Straße sei kein Einzelfall. Weitere Zeugenaussagen verdichten diese Annahme: „Ich habe schon längst kein Vertrauen mehr in die Polizei hier“, bekundet der Inhaber eines kleinen Fachhandelsgeschäfts in unmittelbarer Nähe des Tatorts. Der Mann hat die prügelnden Polizisten beobachtet, noch heute versagt ihm bei der Erinnerung daran die Stimme. Eine gerichtliche Aussage treffen will er jedoch auf keinen Fall: „Denn wer weiß, was passieren würde, wenn ich am nächsten Tage auf die Beamten treffen würde.“ Ein anderer Zeuge berichtet derweil davon, wie er nach einem Diebstahl die Polizei benachrichtigte, „die sich daraufhin rassistisch äußerte“.

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Der Sprecher der Wiesbadener Polizei Markus Hoffmann will sich nicht zu dem Verdacht äußern, dass Beamte aus Mainz-Kastel häufig durch rabiates Fehlverhalten gegen Migranten auffallen. Was den Fall Syrus Kar anbelangt, so kündigt das Polizeipräsidium Westhessen derweil „eine lückenlose Aufklärung der Vorgänge an“. Gegen die vier Polizisten ist ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt eingeleitet worden. Die Beamten behaupten, nicht erkannt zu haben, ob Kar Beteiligter oder Zeuge der ursprünglichen Auseinandersetzung gewesen sei. Ihnen zufolge hatte sich Kar geweigert, seine Personalien preiszugeben, er sei zudem aggressiv gewesen.

Syrus Kar macht sich derweil auf die Suche nach dem Zeugenvideo. Darüber hinaus gibt er sich keinen Illusionen hin: „Ich bin vor 26 Jahren vor der politischen Gewalt im Iran nach Deutschland geflohen“, sagt er. „Doch was ich hier schon mehrfach erlebt habe, geht in die gleiche Richtung.“

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