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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

18. März 2009

Porträt: Der Jahrhundert-Fotograf

 Von JUDITH GRATZA
Der Leute-Fotograf Karsten Thormaehlen Foto: FR/Arnold

Als das Berliner Hotel Adlon seinen 100. Geburtstag feierte, lud es 100 Hundertjährige ein. Eine Augenweide für den Frankfurter Fotograf Karsten Thormaehlen - er lichtete einige von ihnen ab. Von Judith Gratz

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Ihr Blick ist wach, zufrieden blickt sie in die Kamera, das weiße Haar ist sorgsam frisiert, das Gesicht faltig. Margit Haase ist 104 Jahre alt und zum ersten Mal in ihrem Leben Titelmodell. Sie schmückt einen Band mit Bildern Hundertjähriger.

Zufrieden sei die Berlinerin mit ihrem Foto aber ganz und gar nicht. Normalerweise trage sie Brille und Lippenstift, habe sie bei der Präsentation des Buches im Berliner Hotel Adlon geschimpft, erinnert sich Karsten Thormaehlen. Der Fotograf nimmt es gelassen. "Das sind nur Nebensächlichkeiten", sagt er, als er sich in seinem etagengroßen Studio an der Fechenheimer Carl-Benz-Straße einen Kaffee macht.

Ihm sei es darum gegangen, "in Augen zu schauen, die das gesamte 20. Jahrhundert gesehen haben". Für seinen Bildband "Jahrhundertmensch" blickte er in 22 Augenpaare, fotografierte Männer und Frauen aus Berlin und Umgebung, die Geschichten von Krieg, Vertreibung, Liebe, Karriere und Großfamilie erzählen. Wie Margit Haase.

Die Witwe, die seit kurzem in einer Seniorenresidenz lebt, kann sich gut an die Zeit erinnern, als ihre Wohnung in Berlin-Tempelhof während des Zweiten Weltkrieges drei Mal von Bomben getroffen wurde. Margit Haase ließ sich nicht unterkriegen. Sie ist topfit, lebenslustig und erzählt wunderbare Geschichten über ihre Kinder, Enkel und Urenkel - mittlerweile zwölf an der Zahl. Wie auch Walter Jonigkeit, Berlins ältester Kinobetreiber, der mit 101 Jahren noch täglich im Büro über dem Delphi-Kinopalast in der Kantstraße sitzt und Schauspieler wie Heinz Rühmann, Hans Albers, James Stewart, Gary Cooper und Ava Gardner gut kannte.

Diese und andere Biografien vereint das Buch "Jahrhundertmensch". Die 22 Porträts zeigte Thormaehlen erstmals vergangenes Jahr in Bregenz. Spätestens 2010 werden sie auch in Frankfurt im Haus am Dom zu sehen sein. In die Gesichter von Hundertjährigen zu schauen war ein berührendes Erlebnis für den 43 Jahre jungen Fotografen. Was seine Modelle berichteten, "geht unter die Haut", sagt er respektvoll. Ihre Geschichten würden Mut geben, lustvoll alt zu werden.

Es ist ein neues Sujet, dem sich Thormaehlen in seinem Bildband nähert. In den 90er Jahren arbeitete der preisgekrönte Fotograf nur mit jungen Models zusammen. Nachdem sich der Bankkaufmann aus Bad Kreuznach gegen den Willen der Eltern entschieden hatte, das zu werden, was er schon immer werden wollte, nämlich Fotograf, studierte er Kommunikationsdesign in Mainz und Wiesbaden und ging anschließend für die Kosmetikfirma Lancaster nach New York. Dort entwickelte er mit Peter Lindbergh, Jim Rakete und Fabrizio Ferri Werbekampagnen für Luxus- und Duftmarken. Seine Arbeiten als Fotograf und Art Director, die auf Reisen durch mehr als 40 Länder entstanden, gingen um die Welt und sind in dem Buch "Selected Years, 1993 - 2002" zusammengefasst.

Thormaehlen blättert darin, als er in seinem Studio im zweiten Stock des UFO-Gebäudes sitzt, das er vor fünf Jahren bezog. Auf den Seiten posieren Heidi Klum, Sonja Bogner, Jennifer Lopez, Claudia Schiffer, Isabella Rossellini für die Kamera. "Damals waren viele noch Nobodys, genauso wie die Jahrhundertmenschen", sagt Thormaehlen. Aber im Gegensatz zu den Hochbetagten mussten diese Models sehr schön und sehr jung sein. "Mit 26 war man zu alt für ein Fotoshooting."

Entnervend fand er den Jugendkult irgendwann, aber auch traurig. "Alte Menschen waren kein Thema." Dabei leben in Deutschland 10.000 über Hundertjährige, vor 30 Jahren waren es gerade einmal 300. Als Thormaehlen Anfang 2000 seine Jugendliebe heiratete und sich im Rhein-Main-Gebiet selbstständig machte, war er von dem demografischen Wandel so beeindruckt, dass er den Menschen, die so alt werden, "ein Denkmal setzen" wollte.

Seine Jahrhundertmenschen fand der Fotograf bei der Lektüre eines Zeitungsartikels vor zwei Jahren. Damals feierte das Berliner Hotel Adlon den 100. Geburtstag und lud 100 Hundertjährige ein. Thormaehlen suchte die betagten Gäste auf. Die Männer wollten sofort, die Frauen zierten sich. Sie seien doch schon so alt, sagten sie.

Thormaehlen ließ die Senioren stylen und fotografierte sie wie junge Models, mit denen er früher gearbeitet hatte. "Bei Margit Haase stellte ich sofort fest, wie fotogen die Familie doch ist." 1994 hatte er ihre Enkeltochter Alexandra Adami in New York getroffen. Auch sie hielt er im Foto fest, mit 22, wie sie einen Blumenstrauß umarmt, zart und schön. Ihr Foto ging für Lancaster um die Welt.

Der Bildband Jahrhundertmensch mit Fotos von Karsten Thormaehlen und Texten der Spiegel-Redakteurin Barbara Hardinghaus ist im Moonblinx Verlag erschienen.

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