Der Schreibtisch steht. Immerhin das. Ansonsten ist das helle Büro mit dem knalltürkisen Teppichboden im Altbau, Ecke Kaiser- und Elbestraße, noch weitgehend leer wie der Schreibtisch - was für seinen Besitzer Michael Damian ein ziemlich historischer Moment ist. Lange wird das so nicht bleiben. Mit Hochdruck wuchten Möbelpacker Schränke und Regale in die frisch renovierte Büroetage, in der Damian mit neun Leuten auf sieben Stellen mit ebensolchem Hochdruck das Bundesmodell "Lernen vor Ort" aufbauen will.
In seiner ruhigen Art lässt der langjährige Referent und Büroleiter von Schuldezernentin Jutta Ebeling die Ideen sprudeln, wie Bildung und Chancen von Kindern in Frankfurt von der Kita bis zum Beruf zu verbessern wären.
Das ist das Ziel. Die Polytechnische Gesellschaft hatte die Idee mit "Lernen vor Ort" Bildungsministerin Annette Schavan schmackhaft gemacht. 30 Millionen Euro vom Bund und ebensoviel von der EU stehen jetzt für 40 Kommunen bereit, sie in den nächsten drei Jahren mit Leben zu füllen. Ansatzpunkte sieht Damian genug: die Übergänge von der Kita zur Schule, zur weiterführenden Schule, zu Studium oder Beruf. "Bei den Übergängen bleiben viele auf der Strecke." Oder dass ausländische Jugendliche noch immer schlechtere Noten, schlechtere Abschlüsse und schlechtere Jobchancen haben. "Es kann nicht sein, dass die Hälfte der Jugend außen vor bleibt."
Das Beste herauspicken
Oder die vielen Sitzenbleiber - 1800 waren es vergangenes Schuljahr in Frankfurt. Für Damian ein Skandal. "Das sind drei komplette Schulen. Da werden 100 Millionen Euro verpfeffert, die man besser in die Förderung von Kinder investieren könnte." Das Wie soll die Zusammenschau aller sozialen und bildungspolitischen Projekte in der Stadt ergeben. Alles anschauen, das Beste herauspicken und per Überzeugungsarbeit in die Breite tragen.
Überzeugen, Brücken schlagen, vermitteln - das kann er. Der gebürtige Rheinländer und studierte Pädagoge hat es 19 Jahre lang als rechte Hand von Jutta Ebeling bewiesen. Sein Lebensplan war das nicht, die Vita nicht alles andere als gradlinig - aber konsequent. "Ich war ein leidenschaftlicher Lehrer." Leidenschaftlich darin, selbstbewusste Kinder zu erziehen, gewappnet gegen jede Autoritätshörigkeit. Als typischer 68er, SDS-Mitglied und mitten drin in der Frankfurter Sponti-Szene hat er sich als Student selbst genügend mit Vergangenenheitsbewältigung und Entwicklung eigener Persönlichkeit befasst. In diesem Geist hat er sich auch bemüht, alle Schüler als Persönlichkeiten, nicht nur als Notenträger zu sehen, sagt er. Auch so ein Punkt, der ihm im Schulalltag immer wieder die Haare zu Berge stehen lässt.
Er kennt die Schwachstellen, die Lehrer zu "Meckerern aus Profession" werden lassen. Irgendwann hat´s ihm gereicht. Er engagierte sich im Ortsbeirat, um "nicht nur zu klagen, sondern was zu tun". So hat ihn Jutta Ebeling kennen gelernt und 1990 gefragt, ob er ihr Referent werden wolle. Der schlanke Mann, der eisern Tag für Tag mit dem Rad von Niederursel zur Arbeit strampelt, grinst breit. Aus zugesagten "zwei Jahren" sind 19 geworden und ein Duo, das sich blind versteht. Mehr: es schaffte, Schulpolitik jenseits aller Parteipolitik ausschließlich aus Sicht von Kindern und Schule zu gestalten. "Das hat uns gerettet", sagt Damian, über alle politischen Konstellationen hinweg, die Ebeling als einzige Dezernentin seit 1989 bis heute überstanden hat.
Kein leichter Wechsel
Leicht war der Wechsel trotzdem nicht. An seinem ersten Arbeitstag strömten Lehrerkollegen zum Go-In vor sein Büro, um gegen Asbest in Schulen zu demonstrieren. Plötzlich war er die andere Seite. Musste vertrösten - und konnte doch bewegen. Asbest, PCB, Kieselrot waren die Themen der 90er, die ihn immer wieder verlängern ließen, weil so viel zu tun war. "Und irgendwann kennt man alle Schulen und Schulleiter, hat den Überblick über die gesamte Bildungslandschandschaft und kann nicht mehr zurück."
Jetzt ist es doch Zeit für den Abschied geworden. Wohl weil sich nach 19 Jahren Arbeit mit Kitas und Schulen kein anderer so gut auskennt in der Bildungslandschaft, um "Lernen vor Ort" auf den Weg zu bringen. Und weil Damian einer ist, der vor der Pensionierung durchaus noch mal Neues anpacken will. So wie er jedes Jahr mindestens einmal ausprobiert, ob er noch locker den Feldberg hochradeln kann. Der geht noch - und vieles andere auch.

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