Im Café an der Berger Straße zieht Stefan Sprenger einen Nagel aus der Hemdtasche, es ist ein langer Nagel, wie Zimmerleute ihn verwenden, massives Eisen. Sprenger setzt ihn am Nasenloch an mit einer Hand, mit der anderen Hand greift er sein leeres Glas und beginnt damit zu klopfen, den Nagel in die Nase. Das gehe schon, sagt Sprenger, normalerweise benutze er dafür einen Hammer.
Die Frau am Nebentisch lässt ihren Kaffeelöffel fallen. Natürlich habe er vorher einen Arzt konsultiert, sagt Sprenger, da gebe es aber keine Bedenken. "Man bekommt allenfalls eine Nebenhöhlenentzündung, wenn der Nagel nicht sauber ist." Genau genommen sei das also nicht einmal ein Trick. Es geht einfach. Stefan Sprenger ist 37 und nennt sich selbst einen Hochstapler. Er will kein Mentalist sein wie jene, die gerade wieder im Privatfernsehen den Menschen vorgaukeln, sie hätten übersinnliche Fähigkeiten; und Zauberer sei eben ein ziemlich weiter Begriff.
"Bei mir ist alles Trick und ich stehe auch dazu", sagt Sprenger. Mit seinem Programm lässt er sich für Firmenfeiern buchen und zaubert regelmäßig beim "Zauber-Dinner" auf den Schiffen der Primus-Linie. Auf seiner Visitenkarte steht: Stefan Sprenger, Hochstapler. Ohne Nagel ist Sprenger ein ruhiger Mann. Im Café an der Berger erzählt er entspannt, wie er als Sechsjähriger seine Begeisterung für die Zauberei entdeckt habe, als ein Zauberer auftrat beim 100-jährigen Jubiläum der Schreinerei seiner Eltern, einem alten Frankfurter Unternehmen.
Erste Darbietungen am Stand von Utas Kinderboutique
Wie er mit zwölf in der Stadt den Zauberladen entdeckte, den es heute leider nicht mehr gebe. Und wie er wenig später nach vielen kleinen Auftritten im elterlichen Wohnzimmer seine ersten Nummern öffentlich darbot, am Stand von Utas Kinderboutique auf dem Straßenfest am Oeder Weg - seinem Durchbruch, gewissermaßen. "Mein Vater war da weniger begeistert", sagt Sprenger, "der wollte natürlich das ich was richtiges lerne."
Wenn Sprenger seinen Nagel aus der Brusttasche holt oder die Spielkarten in die Hand nimmt, dann ist das ein anderer Stefan Sprenger. Plötzlich spricht er schnell, ist präzise in seiner Wortwahl, er fixiert sein Gegenüber, schafft eine Situation, in der er der Überlegene ist. Man will ihm alles glauben, das ist der erste Trick. Es gibt dann kein Entkommen vor Stefan Sprenger.
Er schiebt den Nagel in die Nase und zieht ihn wieder raus, pustet einem Karten in die Hand, die da vorher nicht waren. Er setzt auf Psychologie, auf die Wahrnehmung seiner Opfer. Dabei hat der Mann was richtiges gelernt, wie der Vater das wollte. Raumausstatter ist er, an der Fachhochschule hat er Architektur studiert. "Während des Studiums habe ich dann gemerkt, dass ich mit Zauberei auch Geld verdienen konnte", sagt Sprenger. Den Vater habe das erstaunt wie ihn, "heute kann er damit leben". Und Sprenger kann davon leben.
Er ist Vorsitzender des Magischen Zirkels Frankfurt. Außerdem ist der Mitglied eines Verbundes von fünf Zauberkünstlern, die gemeinsam unter dem Namen "Zauberdinner" auftreten, sich gegenseitig unterstützen. Mit einem von ihnen hat er auch das abendfüllende Theaterprogramm "Brain Busters" entwickelt, mit dem er auftritt.
Als Hochstapler gehe es darum, die richtige Szenerie zu schaffen, die Atmosphäre. Gelernt habe er das als Bar-Zauberer im Maritim-Hotel, sagt Sprenger, sechs Jahre lang arbeitete er dort. Zuhause habe er überall Karten und anderes Zeug liegen, damit spiele er eben, die ganze Zeit. Üben könne man das nicht nennen, sagt Sprenger, "ich fuddel halt rum".
Er tut das ziemlich überzeugend. Manchmal auch, wenn er gar nicht da ist. Vor ein paar Monaten habe ein kleines bayerisches Hotel bei ihm angerufen und ihm mitgeteilt, er möge doch bitte mal seine Rechnung bezahlen. "Die waren geprellt worden und hatten nach einem Hochstapler gegoogelt", sagt Sprenger. "Da muss man erstmal drauf kommen". Sprenger musste viel reden, um das Hotel zu überzeugen. Herbeizaubern konnte er den wahren Hochstapler schließlich nicht.

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