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Praunheim, grüne Stadt: Wie man die Lübke-Siedlung umbauen will

Im Laufe des Mais soll es ein Gespräch mit den 2000 Menschen geben, die in den 600 Geschosswohnungen mit Sozialbindung leben. Dann geht es um die Zukunft des Stadtteils Praunheim. Von M. Arning

Frankfurts Vorzeigesiedlung in Praunheim für ein ökologisches Mainhattan
Frankfurts Vorzeigesiedlung in Praunheim für ein ökologisches Mainhattan
Foto: FR/Mueller

Rainer Paul hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Zwar will er an dem kleinen Laden, den er seiner Frau betreibt, unbedingt festhalten. Aber lange, sagt der Einzelhändler mit der Fachrichtung Zeitungen und Papier, lange gehe es bestimmt nicht mehr gut. Bis zu 40 Prozent Ausfälle bei den Einnahmen habe er in den vergangen Monaten gehabt. So etwas könne man mal hinnehmen, aber länger als ein halbes Jahr lasse sich diese Durststrecke nicht verkraften.

"Wir sind immer wieder vertröstet worden", sagt Paul am frühen Montagmorgen. Immer wieder habe man ihm und seiner Frau versprochen, dass es demnächst schon besser werde und die Flaute, die mit dem Wegzug des Einkaufsmarktes aus dem kleinen Geschäftszentrum in der Heinrich-Lübke-Siedlung im Herbst vorigen Jahres einsetzte, in absehbarer Zeit vorbei sei.

Modernisierung

2000 Menschen leben gegenwärtig in 600 Wohnungen in der Heinrich-Lübke-Siedlung. Die Wohnungen unterliegen der Sozialbindung. Zur Nahversorgung der Anwohner sieht die ABG Holding, die das Modernisierungsprojekt in der Siedlung gemeinsam mit Wissenschaftlern des Fraun- hofer Instituts für Bauphysik angehen will, "ein neues Quartierszentrum mit Gewerbe und Geschäften" vor.

Energetisch soll sich die Siedlung künftig weitgehend selbst versorgen. Dafür ist ein zentrales Heizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Koppelung oder der Anschluss an das Fernwärmenetz und die Nutzung erneuerbarer Energien vorgesehen.

Vier Phasen haben sich die Fraunhofer-Forscher vorgenommen: Zunächst geht es um eine bauphysikalische Diagnose der Siedlung, dann machen sie sich an eine energetische Analyse. In der dritten Phase arbeiten sie an einem umfassenden Energiekonzept, um dies dann Anfang 2010 umzusetzen.

Wenige Stunden später erfährt Paul: Der gesamten Siedlung steht eine umfassende Sanierung bevor. Was in dem Quartier, das zum Stadtteil Praunheim gehört und zwischen 1977 und 1982 entstanden ist, wirklich geschehen soll, darüber dürften die Anwohner wohl ein Wörtchen mitreden.

Schon in den kommenden Wochen. Im Laufe des Mais soll es ein Gespräch mit den 2000 Menschen geben, die in den 600 Geschosswohnungen mit Sozialbindung leben. Das können sie auch weiterhin: Selbst während der Umbauten, so zumindest verspricht es Frank Junker, der Geschäftsführer der ABG Holding, am späten Vormittag im Römer, dürfen die Bewohner in ihren Wohnungen bleiben.

Bei großen Umbauten haben die Mieter immer Angst

Schließlich seien Umbauten dieser Größenordnung stets damit verbunden, dass bei den Mietern Ängste entstehen. Das habe sie vor gut zwei Jahrzehnten bereits bei der Sanierung von Wohnungen aus der Zeit der Jahrhundertwende am Marbachweg beobachtet, berichtet Oberbürgermeisterin Petra Roth. Dort sei es gut gewesen, dass die Bewohner bleiben konnten, um fortan in alten Wohnung zu leben, die energietechnisch auf den neuesten Stand gebracht worden seien.

Wenn es irgendwo in diese Republik künftig um Energieeffizienz und Nachhaltigkeit geht, soll einem unmittelbar Praunheim einfallen: Die Heinrich-Lübke-Siedlung könnte nach den Umbauten der bis zu fünfgeschossigen Mietshäuser, die im kommenden Jahr beginnen sollen, zu einem Anziehungspunkt für diejenigen werden, die sich Gedanken über die Fortexistenz von Siedlungen aus den 70er Jahren in ihrer Stadt machen.

"Hauptstadt der Nachhaltigkeit", das wäre so etwas, was Petra Roth gefallen würde. "Zentrum des Passivhauses" in dieser Republik zu sein, das könne ihr Frankfurt ja bereits für sich in Anspruch nehmen. Doch der Umbau zu Passivhäusern, daran lässt Junker keinen Zweifel, sei für die Heinrich-Lübke-Siedlung nicht in Frage gekommen: Zu aufwändig wären die Eingriffe in die Wohnungen gewesen, weil man an die Substanz der Bauten hätten gehen müssen, um beispielsweise neue Rohrleitsysteme zu installieren.

Was genau der Umbau der Siedlung bringen wird, darüber sollen die Anwohner ein Wort mitreden. "Es gibt keine Denkverbote", sagt Junker. Er selbst könne sich vorstellen, die aus Waschbeton entlang der Ludwig-Landmann-Straße gezogene Garage aufzuschneiden, um aus dem dunklen, einem Verlies ähnlichen Gebäude etwas Ansehnlicheres zu machen.

Gemeinsam mit Verkehrsdezernent Lutz Sikorski strebe man den barrierefreien Zugang zur Siedlung an, was nichts anderes heißt als: Das Einkaufszentrum muss an dieser Stelle verschwinden. Wo sich die Bewohner der Siedlung künftig versorgen, könnten sie selbst festlegen. Junkers Pläne, die am Montag zumindest einen Eindruck von der Dimension der Siedlung vermitteln sollten, sehen einen Neubau zur Ludwig-Landmann-Straße hin vor. Über Details der Planung wollen ABG, Architekten und die das Projekt begleitenden Wissenschaftler vom Fraunhofer Institut für Bauphysik mit den Anwohnern beraten.

Rainer Paul zumindest will abwarten, was mit seinem Laden passiert, einem der drei letzten verbliebenen Einkaufsmöglichkeiten in der Heinrich-Lübke-Siedlung. Für ihn steht allerdings außer Frage: Es kann nur besser werden.

Autor:  MATTHIAS ARNING
Datum:  5 | 5 | 2009
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