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Priorität Radfahren: Pro und Contra

Radfahren gehört zu den Prioritäten, die eine Stadtgesellschaft setzen muss. Die Pedalisten müssen aber an ihre Pflichten erinnert werden.

Jürgen Schultheis ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
Jürgen Schultheis ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Pro: Recht des Radlers

Wahrscheinlich sind es kurze Augenblicke, in denen man das Gefühl großen Glücks verspürt. So kann das gehen, wenn man den Porsche zu früher Stunde in Basel auf die A 5 setzt und forsch nach Frankfurt am Main gleiten lässt - stets der Skyline entgegen. So geht es aber bestimmt, wenn man vom früheren Schlachthof aus den Main entlang in Richtung Eisernem Steg unterwegs ist und allmählich dem Sonnenaufgang hinter den Türmen entgegen steuert. Mit dem Fahrrad, wohl gemerkt. Ein Gefühl großen Glücks, in dem man mit seiner Stadt ganz im Reinen ist und sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen kann, dass es vielleicht in Hamburg besser wäre.

Dr. Matthias Arning leitet die Stadtredaktion der Frankfurter Rundschau
Dr. Matthias Arning leitet die Stadtredaktion der Frankfurter Rundschau
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Den Konjunktiv sollte man sich perspektivisch erst recht sparen können. Wenn man weiß - diese Stadtgesellschaft setzt neue Wegmarken, orientiert sich nach langen, mitunter überaus strittigen Debatten an Prinzipien, die einer Abkehr gleichkommen: Nicht mehr der Fluss des Autoverkehrs über die Einfallstraßen genießt Priorität, nein, die allmähliche Gleichberechtigung des Radfahrens gegenüber dem Autofahrer wird zu einem zentralen Impuls städtischer Politik.

Da mögen manche aufjaulen. Doch Gemach, bevor jemand den Untergang des Abendlandes beschwört. Es geht darum, Lebensqualität in dieser Stadt, die ihre Bewohner entgegen mancher Ressentiments oft geradezu lieben, neu zu buchstabieren. Da sollten Anlieger aus den gegenwärtig aufblühenden Neubaugebieten, zumal Familien mit Kindern, unbedingt ein gewichtiges Wort mitreden. Für sie kann es einen sicheren Weg zum Kindergarten geben, wenn dem Autoverkehr auf den Einfallstraßen in diese Stadt etwas genommen wird. Das mag einen langen Gewöhnungsprozess in Gang setzen. Aber das allmähliche Entstehen eines Lebensgefühls, zu dem mittlerweile eben auch die spontane Mobilität des Radfahrens gehört, kann einen durchaus optimistisch stimmen. Wer hätte vor zwei Jahrzehnten gedacht, dass am Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert eine solche Debatte einsetzt - und weitreichende Resonanz findet. Plötzlich und unerwartet.

Man mag darüber spekulieren, ob wir nicht vor der Zeitenwende 1989 auch bereits reif dafür gewesen wären, den Radfahrern mehr Platz - und damit mehr Rechte - zu verschaffen. Damals landeten viele Pläne wegen des West-Ost-Transfers schnell wieder in Schubladen. Weil alles das, was mit dem Radfahren zusammenhing, weitgehend als Luxus und somit als verzichtbar galt. Mittlerweile aber könnte die Zeit so weit sein, die Radfahrer als gleichberechtigte Partei im öffentlichen Raum anzuerkennen. Dass damit Pflichten verbunden sind, versteht sich von selbst. Dann reden wir über Standards. Und nicht über kurze Augenblicke des Glücks.

Contra: Pflicht des Pedalisten

Wer wollte bestreiten, dass Innenstädte attraktiver werden, wenn der Langsamverkehr, Fußgänger und Radler, sich den Raum nehmen, der ihnen zusteht - den sie aber noch nicht im ausreichenden Maße besetzt haben? Wer wollte entgegnen, wenn einer sagte, mit einem ruhigeren Verkehr ließen sich auch entspannter die Stadt und ihre Annehmlichkeiten genießen? Und wer käme schon auf die Idee zu bestreiten, dass jeder Verkehr, der lärm- und abgasarm stattfindet, einer Stadt oder gar einer Metropole zum Nachteil gereichen würde?

Kein ernsthafter Mensch könnte auch nur halbwegs plausibel gegen mehr Rad in der Stadt plädieren. Dem Rad, daran besteht kein Zweifel, gehört die Zukunft - weil die Anschaffungs- und Betriebskosten im Vergleich zur Laufleistung gering sind, weil das Gleiten durch die Straßen und entlang des Flusses nicht nur gesund ist, sondern auch das Lebensgefühl stimuliert. Und weil der innerstädtische Verkehr mit dem Rad auf kurzer und mittlerer Distanz, zwischen einem und fünf Kilometer, kaum effizienter und schneller abgewickelt werden kann.

Und dennoch hapert es allenthalben; immer noch gibt es Lücken im Radrouten- und -wegenetz, immer noch fehlen ausreichend Radständer und -parkhäuser, wo die teils teuren Fortbewegungsmittel sicher und von Wettereinflüssen abgeschirmt untergebracht werden können. Noch immer ist das Potenzial nicht ausgeschöpft, das in der Verbindung von Rad und Öffentlichem Personennahverkehr entsteht. Es gibt also noch viel zu tun, auch weil Radfahren neben dem zu Fuß gehen und Wandern einen hohen Nachhaltigkeitsfaktor hat.

Es fehlt an Infrastruktur, immer noch. Woran es nun gerade nicht mangelt, sind Rechte für Radfahrer. Im Gegenteil: Bevor von Rechten zu sprechen wäre, ist über die Pflichten zu reden. Denn der wachsende Radverkehr in den Städten hat auch Schattenseiten. Es zeigt sich nämlich, dass in der wachsenden Gruppe der Radler die Fraktion rücksichtsloser Raser und ignoranter Rowdys vielleicht ebenso groß ist wie unter Autofahrern. Dass also Radler nicht per se die besseren Menschen sind, sondern zu ihnen auch jene Gruppe zählt, die in dieser Gesellschaft generell ein wachsendes und prekäres Problem sind - die Gruppe der egomanisch Selbstbezogenen, die die Bedürfnisse anderer missachtet; radikal Selbstbezogene, die jede Gesellschaftsfähigkeit weitgehend verdrängt haben. Das ist wahrlich kein ausschließliches Problem von Radfahrern; aber eben doch ein Problem, mit dem sich auch die Radler auseinandersetzen müssen. Deshalb gilt es, die Kultur des Miteinanders und der wechselseitigen Rücksichtnahme zu fördern, die Erziehung hin zu einer verantwortlichen Mobilität. Darum geht es, und nicht um mehr Rechte.

Autor:  MATTHIAS ARNING UND JÜRGEN SCHULTHEIS
Datum:  5 | 4 | 2008
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