Das Original des flämischen Meisters hängt im Frankfurter Städel. In dem Büro von Bernd Mesovic im Bahnhofsviertel klebt eine Kopie des bekannten Werks von Adriaen Brouwer an der Wand. Es trägt den Titel "Der bittere Trank" und zeigt ein wütendes Gesicht. "Darauf schaue ich, wenn ich mit Bürokraten verhandeln muss", erzählt der 55-Jährige. "Das Bild zeigt, wie es in mir aussieht" - aber Mesovic weiß, dass er ruhig und besonnen bleiben muss, egal wie sehr ihn die ewigen Ausflüchte ärgern: "Wir müssen den abschieben, weil..." oder "ich kann das nicht entscheiden"...
Bürokratie ist für ihn, der sich seit 30 Jahren für Flüchtlinge einsetzt, oft "organisierte Verantwortungslosigkeit". "Wir" und damit meint der großgewachsene Mann (1,99 Meter) das rund 20-köpfige Pro Asyl-Team "mögen manchmal Chaoten sein, aber wenn es um etwas Wichtiges geht, guckt keiner auf die Uhr."
Pro Asyl sei "klein und beweglich", initiiere Kampagnen wie zum Beispiel zum Bleiberecht und frage dann bei den Kirchen und Gewerkschaften an, ob sie mitmachen.
Den Kampf gegen die Unbeweglichkeit der Bürokraten führt Mesovic aber nicht nur mithilfe des Brouwerschen Werks, sondern auch mit Ironie und Humor. "Mit Humor kann man Macht lächerlich machen", Rollen und Sachzwänge sprengen.
Mesovic lebt gern in Frankfurt, bezeichnet sich als "Lokalpatrioten mit weltbürgerlicher Absicht". Denn seine Vision ist eine Welt ohne Grenzen, eine Welt, in der nicht die Staatsangehörigkeit, sondern die Menschlichkeit zählt.
Vorerst, das weiß niemand besser als der studierte Politologe und Germanist, herrscht Nabelschau - auch in der Mini-Metropole Frankfurt. "Hinter Neu-Isenburg zieht es sich", zitiert Mesovic den virtuellen Alt-Frankfurter. Und: "Der Offenbacher ist uns doch genau so fremd wie der Afrikaner."
Was im Fall Mesovic aber so nicht stimmen dürfte. Denn er selbst hat viele afrikanische Vorbilder. "Nicht die ganz Großen wie Nelson Mandela", aber den auch nicht ganz unbedeutenden Jean Claude Diallo, den im März 2008 verstorbenen Integrationsdezernenten. Von dem habe er gelernt, wenn die Schwierigkeiten überhand nehmen, "geht der Afrikaner etwas essen und trinken."
Als "poetischen Moment" bezeichnet er das Traumtor aus dem Jahr 1993 des Eintracht-Spielers Jay Jay Okocha, der minutenlang im Strafraum von Oliver Kahn herumdribbelte, bevor er den Ball ins Tor bugsierte. "Wie das Tor reingegangen ist", das will Mesovic "nicht in den Kopf hinein". Dabei kennt sich der eingeschworene Eintracht-Fan doch mit vielen Finten, auch im Fußball aus. "Man muss die Lücken nutzen, die der Teufel lässt."
Es ist der Mut der kleinen Leute, der ihn fasziniert. Zum Beispiel der von Mouctar Bah, der sich für seinen toten Freund Oury Jalloh, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, einsetzt. Dass der Bundesgerichtshof jetzt entschieden hat, dass der Fall Jalloh neu aufgerollt werden muss, hat Mesovic gefreut. Aber fünf Jahre nach dem tragischen Tod werde es "nicht gerade leicht", die Wahrheit herauszufinden.
Ein Grund, warum er immer noch gern für Pro Asyl - die Menschenrechtsorganisation mit immerhin 14 000 Mitgliedern - arbeitet, ist, dass er sich nicht verbiegen muss. "Es ist ein unglaubliches Privileg, die Wahrheit sagen zu können."
Die Fluchthilfe sei "in vielen Zeiten ein edles Gewerbe" gewesen, sagt er und erinnert an die Gedenkstätte für Frankfurts deportierte und ermordete Juden in der Battonnstraße. "So viele nicht gelebte Leben."
Wenn sich die Flüchtlinge, denen er geholfen hat, bei ihm melden und berichten, "ich habe jetzt meinen Pass", dann gibt das Mesovic Kraft. Mit dem Pass beginnt ein neues Leben, können sich die Männer und Frauen frei bewegen, eine Arbeit suchen. Solche Dankesbekundungen treffen bei Pro Asyl häufig ein. "Das ist ganz toll."

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