Lange Zeit war ich hin und hergerissen soll ich die Ferien komplett im Ausland verbringen oder lieber daheim? Ich war unsicher. Zumal mir schon immer klar war, dass Reisen ja auch den Horizont erweitern kann. Aber dann hatte ich dieses Schlüsselerlebnis, und seitdem weiß ich Bescheid.
Vor ein paar Monaten war ich für Fotoaufnahmen in Barcelona, einer ehrlich unglaublich schönen und faszinierenden Stadt. Und da ich als Fußballfan die Gelegenheit nutzen wollte, machten wir auch Fotos im "Camp Nou", dem Stadion des FC Barcelona.
Man zahlt 20 Euro, und dafür darf man (fast) überall hin. In die Umkleiden, in den Presseraum, den Angeberraum mit den Vitrinen und den gefühlten 8000 Pokalen und Trophäen darin, während auf Videoleinwänden die Erfolge des Vereins in Dauerschleife laufen. Dann auf die Tribüne und schließlich direkt ans Spielfeld. Ich gebe zu, ich war beeindruckt.
Am nächsten Tag dann das etwas andere Fußballerlebnis! Germania Oberroden gegen Viktoria Urberach, das erste Rödermärker Oberliga-Hessenderby seit 46 Jahren! Schon der Eintritt doch deutlich günstiger: 7 Euro! Das komplette Vereinsgebäude kleiner als die Barça-Umkleide, ja das ganze Gelände kleiner als allein der Merchandiseshop der Spanier.
Aber war es deswegen weniger wert als das, was ich diesem katalanischen Tempel gesehen hatte? Nein! Weil das hier, auf dieser in die Jahre gekommenen Sportanlage in Rödermark, genau das war, was ich seit meiner aktiven Zeit bei der SKG Sprendlingen und der Spvgg.Neu-Isenburg immer so gemocht hatte!
Das fängt schon mit dem Geruch vom Bratwurststand an, wo man eine Thüringer nicht mit Paybackkarte, sondern mit richtigem Geld bezahlt. Dann die Jungs von der D-Jugend, die aufgeregt und in den Trainingsanzügen ihres Heimatvereins vorm Kabinenausgang warten, um sich vor Anpfiff mit ihren Helden abzuklatschen.
Stolze Väter, die erzählen, dass ihr Sohn neuerdings mit Eintracht Frankfurt in Verbindung steht (auch wenn sie damit nur das Eintrachttrikot meinen, das sie ihrem Sprössling vor ein paar Tagen geschenkt haben!). Dann diese uralte Lautsprecheranlage, aus einer Zeit irgendwann zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg stammend, über die der anwesende Bürgermeister irgendwas von "historischem Ereignis" nuschelt.
Und schließlich das Wichtigste überhaupt: Diese Armee von motzenden Opas in braunen Breitcordhosen, die Bratwurst kauend die gegnerischen Spieler schon beim Einlaufen beleidigen ("Hey Drecksack dein Vadder konnt´ auch schon net kickeund geerbt ist geerbt!"). Das alles macht den charmanten Unterschied aus. Nichts gegen Barcelona, aber ich find´s hier irgendwie besser.
Ab September ist Henni Nachtsheim mit "Den Schal enger schnallen und in die Ohren spucken - eine Comedylesung ohne lesen!" auf Tour. Termine unter www.henninachtsheim.de.

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