Vorauszugehen ist für Hedi Tschierschke nichts Neues. Immerhin steht die SPD-Politikerin schon seit gut 14 Jahren dem für Bornheim und das Ostend zuständigen Ortsbeirat 4 vor. Dennoch steht der 65-Jährigen am Sonntagmorgen eine Premiere ins Haus, eben weil sie vorgehen muss. Die Suppe eingebrockt hat ihr Parteigenosse Bernhard Ochs. "Die erste Gruppe folgt jetzt unserer Ortsvorsteherin", ruft der Stadtverordnete einmal quer über den Sportplatz der SG Grün-Weiß Bornheim.
Prompt richten sich mehrere Dutzend Augenpaare, in denen sich die Hoffnung auf ein wenig Anweisung spiegelt, auf Tschierschke. Die Ortsvorsteherin nimmt es gelassen. "Man sieht einfach, dass unsere Bewegung immer größer wird", sagt sie.
Die Bewegung, das sind mehr als 100 Männer und Frauen, die sich bei dieser 31. Ausgabe des vom Bornheimer Vereinsring organisierten Volkswandertages ein oranges T-Shirt übergestreift haben. "Deckel druff!", steht darauf. Darunter ist ein Topf, dem der Cartoonist einen griesgrämigen Gesichtsausdruck verpasst hat, abgebildet. A661 lautet sein Name, soviel verrät eine Aufschrift.
Wahlweise sechs oder zwölf Kilometer wandern und damit ein Zeichen für die schon lange geforderte Einhausung der A 661 zwischen Friedberger Warte und Seckbach setzen, so lautet das Konzept. Nur wenige Meter vom Sportplatz entfernt trennt die A661 Bornheim von Seckbach. Lediglich die Autobahnbrücke an der Seckbacher Landstraße verbindet die Stadtteile. "Viele Menschen kennen das aber noch als Einheit", sagt Ricarda Köhler, SPD-Ortsbeirätin, "und immer mehr leiden unter der Lärm- und Feinstaubbelastung."
Seit Jahren fordern daher Ortspolitiker sowie das Aktionsbündnis "unmenschliche Autobahn" die komplette Einhausung des rund 1200 Meter langen Abschnitts. Nach bisherigen Schätzungen würde die Umsetzung dieser Maßnahme, je nach Ausführung, zwischen 110 und 190 Millionen Euro verschlingen. Stadt, Land und Bund konnten sich bislang nicht auf eine Finanzierung einigen.
"Bei den ganzen Kosten, vergessen viele, welche Vorteile eine solche Einhausung mit sich bringen kann", glaubt Ricarda Köhler. "Aber bei einer vollständigen Deckelung würde auch wieder neue Flächen entstehen. Die SG Grün-Weiß zum Beispiel könnte ihre Sportfelder erweitern."
Im Stadtteil stößt dieses Anliegen offensichtlich auf Zustimmung. "Wunderbar so viele Menschen in Orange zu sehen", sagt Bernhard Ochs mit einem Blick über die versammelten Wanderer. 100 der auffälligen Protestshirts hat der Stadtverordnete auf eigene Kosten drucken lassen. Eine halbe Stunde nach Eröffnung des Volkswandertages sind die Hemden bereits verteilt. "Für viele", glaubt Ochs, "ist es einfach interessanter so eine gezielte Aktion mitzumachen, als in verrauchten Hinterzimmern darüber zu diskutieren."
Dabei war es gerade zumindest im übertragenen Sinn ein eben solches "Hinterzimmer" in dem die Idee zu dieser Aktion geboren wurde. Bei einem Stammtisch im Vereinsheim der SG Grün-Weiß kamen Politiker und Sportler gemeinsam auf die Idee.
An diesem Sonntag wird sie in die Tat umgesetzt. Hedi Tschierschke schreitet Richtung Huthpark. Sie wandert heute nur sechs Kilometer. Für einige andere führt die Wanderung bis hinaus zum MainÄppel-Haus am Lohrberg.
"Ein kleiner Baustein", auf dem Weg zur Einhausung sei diese Aktion, erklärt die Ortsvorsteherin. "Man darf sich aber nicht einbilden, dass es einfach wird." (dmj)

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