Als sich die Demonstranten am Donnerstag pfeifend, tanzend und knutschend vor dem Marburger Hörsaalgebäude und der Stadthalle aufbauten, war von den Teilnehmern des umstrittenen Psychologen-Kongresses kaum jemand zu sehen. Stattdessen stand die Polizei dem bunten Protestzug mit mehreren Hundertschaften gegenüber. "Deutsche Polizisten schützen die Sexisten", skandierten die Demonstranten.
Etwa 1000 Menschen zogen gestern mit Luftballons, Regenbogenfahnen und grellen Perücken durch die Marburger Innenstadt, um gegen den Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge zu protestieren. Im Vorfeld waren mehr als 40 christliche und private Häuser mit Parolen beschmiert worden.
Nach Auskunft der Polizei blieb die Demonstration friedlich. Zu dem Protest aufgerufen hatte ein Bündnis unter dem Motto "Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus". Sie kritisierten drei Referenten des Kongresses, denen sie vorwarfen, Homosexuelle als therapierbar anzusehen und "heilen" zu wollen.
Die Demonstranten gingen jedoch noch weiter: "Nicht die drei Seminare sind das Problem, sondern die homophobe, evangelikale Haltung der ganzen Bewegung", riefen sie. Es sei ein Skandal, dass Stadt und Universität christlichem Fundamentalismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft eine Bühne böten.
Hinter dem Bündnis stehen mehr als 50 verschiedene Gruppen, vor allem aus dem Umfeld der Hochschule. Aber auch aus Göttingen, Kassel, Berlin, Heidelberg und Frankfurt waren Demonstranten angereist. "Homophobie macht krank" und "Religion ist heilbar" stand auf ihren Plakaten. Unter den Demonstranten waren jedoch auch Mitarbeiter und Studierende des evangelischen Fachbereichs Theologie. "Wir bekennen uns zu einer liberalen Wissenschaft im Sinne Rudolf Bultmanns", erklärte Theologiestudentin Julia Flechtner vom Marburger Asta. Und DGB-Sekretär Ulf Immelt rief den Demonstranten zu: "Schwule und Lesben sind in den Augen der Evangelikalen Menschen zweiter Klasse."
Eine zweite, von Grünen, Pro Familia und Aids-Hilfe organisierte Kundgebung beschränkte sich auf Kritik an den strittigen Referenten.
Der Vorsitzende der ausrichtenden Akademie, Martin Grabe, kann die massive Kritik nicht verstehen. Bei der Kongresseröffnung am Mittwochabend sprach er von einer "Großkampagne, die nahezu ohne realen Aufhänger" gestartet worden sei. Homosexualität werde während des Kongresses höchstens am Rande thematisiert. Der Akademie gehe es "wie einer Insel im Frühjahrssturm". Er rief die 1000 Kongressteilnehmer dazu auf, für die Demonstranten zu beten: "Hinter Hass steht immer eine enttäuschte Liebe."

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