Das historische Foto zeugt von ruhigeren Tagen. „Damals“, sagt Andreas Stüber, „fuhren ein bis zwei Züge pro Stunde hier vorbei“. Jetzt verkehrt ein Vielfaches über die Schienen zwischen Straße und alter Stadtmauer von Bacharach, an der sein Rheinhotel liegt. Seit Eröffnung der ICE-Trasse Frankfurt – Köln sind es hier linksrheinisch immer mehr Güterzüge. Die meisten, sagt der Chef des Drei-Sterne-Hauses, seien alt und machten einen Höllenlärm.
Mit Frischluft des Nachts ist es schon lange vorbei. „Seit zwei Jahren müssen wir mit geschlossenen Fenstern schlafen.“ Der Nachbar ist mit den Nerven am Ende, will sein Hotel verkaufen und hat jüngst wutentbrannt per E-Mail eine Bombendrohung an die Deutsche Bahn versandt. Mit voller Adresse. „Das“, sagt Stüber, „gibt richtig Ärger.“
Was tut die Bahn, um den von Zügen verursachten Lärm zu mindern? Der Verkehrslärm wird, ausgehend vom Jahr 2000, innerhalb von 20 Jahren halbiert; trotz der geplanten Verkehrszunahme. Das teilte die Deutsche Bahn im Juli mit.
Wodurch entstehen die Fahrgeräusche? Knackpunkt sind die Wagen mit Grauguss-Bremsklötzen, die permanent die Lauffläche aufrauen. Der Lärm ensteht beim Kontakt mit den Schienen, die dadurch ebenfalls verriffelt werden.
Gibt es Abhilfe? Ein glattes Rad auf glatter Schiene soll subjektiv eine Halbierung des Rollgeräusches bringen. Ermöglichen sollen das „Flüsterbremse“ oder „V-Sohle“, eine Verbundstoffbremssohle, die der Verriffelung der Radlauffläche vorbeugt. Erprobt werden derzeit außerdem: Schienendämpfer, Brückenabsorber, niedrige Schallschutzwände aus Gabione (mit Steinen befüllten Drahtkörben) und einem Kern aus recycelten Autoreifen, besohlte Schwellen oder verschäumte Schottergleise.
Sind bereits leisere Waggons auf den Strecken? Alle seit 2001 neu angeschafften Güterwagen der Bahn-Güterverkehrssparte fahren mit dieser Sohle. Mehr als 5400 Wagen waren im Juli im Einsatz. Hörbare Erfolge treten aber erst ein, wenn mindestens 80 Prozent aller Güterwagen umgerüstet sind. Für den Schienengüterverkehr in Deutschland wären das rund 135000 Wagen, davon gehören etwa 80000 der Logistiktochter.
Wer zahlt? Vergangene Woche sagte der Bund rund 7,5 Millionen Euro für die Umrüstung von zunächst 1250 Wagen um. Für das Programm „Leiser Güterverkehr“ stünden insgesamt bis zu 40 Millionen Euro zur Verfügung. Mit rund der Hälfte des Geldes können bis 2012 bis zu 5000 Güterwagen leiser gemacht werden. jur
Der 44-Jährige hat ein glückliches Händchen. Das nur elf Meter von der Trasse entfernt liegende Haus läuft so gut, dass er investieren kann. Die vierfach verglasten Kasten-Fenster und doppelten Mauern hat der Chef von 14 Angestellten schon Mitte der 90er Jahre einbauen lassen. Schallschutzlüftung, Klimaanlage – im Rheinhotel muss kein Gast befürchten, vom Rattern der Güterzüge aus dem Schlaf gerissen zu werden. Das könnte sich im Jahr 2016 schlagartig ändern, meint der Gastronom. Wenn die Transversale Rotterdam – Genua fertiggestellt ist, geht es vor seiner Haustüre erst richtig zu Sache. Transitverkehr im Drei-Minuten-Takt. „Dann fahren die Züge auf Sicht, und wir haben hier eine permanente Lärmwand.“ Das, befürchtet der Hotelier, wäre der Todesstoß für den Tourismus im Unesco-Welterbe. Und damit für das ganze Mittelrheintal.
Der Unternehmer aus Bacharach steht mit seiner Meinung nicht alleine da. „Das Mittelrheintal ist der Lärmschwerpunkt in Europa“, sagt Frank Gross, der rund 20 Kilometer weiter in Boppard eine Werbeagentur betreibt. Er ist Vorsitzender des Bürger-netzwerks Pro Rheintal. Das organisiert im Auftrag der Bundesvereinigung Schienenlärm Mitte November in Boppard einen Internationalen Kongress mit dem Titel „Bahnlärm macht krank“. Hochrangige Referenten aus verschiedenen Disziplinen sollen an jenem Wochenende den Politikern die Augen öffnen, so das Ziel. Es gehe darum, eine andere Perspektive zu bieten als die der Lobbyisten. „Sonst geht unser Tal vor die Hunde.“
Das Bürgernetzwerk versteht sich als Sammelbecken der lokalen Initiativen beidseits des Flusses. Was sie verbindet, sind die jahrelangen zähen Verhandlungen mit der Bahn und das Gefühl, dass dem Schienenkonzern die Belange der Anwohner im Grunde wurscht sind. „Es gibt technische Lösungen, wie der Lärm reduziert werden kann“, sagt Gross. Pro Rheintal hat sie zusammengetragen und veröffentlicht. Schienen-Schallabsorber, Schienen-Konditioniersysteme, Kleinstlärmschutzwände – die Industrie hat einiges im Angebot. Doch die Bahn scheue die Investitionen, mute den Talbewohnern weiter den von 40 Jahre alten, deformierten Rädern verursachten Lärm zu.
Bis 2012 sollen 5000 Güterwagen leiser gemacht werden, hat der Konzern in der vergangenen Woche verkündet. Auch testet er an Teilstrecken neue Techniken. „Nichts als Spielerei“, meint Gross, der nicht mehr länger zuschauen will, wie sich Ortschaften weiter entleeren.
Seine Forderung: Bis 2015 müssen sämtliche Waggons umgerüstet sein. Bis dahin herrscht ein Nachtfahrverbot für alte Güterzüge. Auch Hessens Grüne mahnten weitere Schritte an. Wie die aussehen können, sei in dem von den beiden Landesregierungen festgeschriebenen Zehn-Punkte-Programm „Leises Rheintal“ nachzulesen.
Es sei schon absurd, sinniert Hotelier Stüber, Mitglied des Netzwerks. Zur Mittagszeit dürfe keiner den Rasen mähen. „Aber die Bahn darf mit 106 Dezibel hier durchfahren“. Das entspricht dem Radau eines Presslufthammers.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.