Die Frau aus Guinea in Westafrika hatte nicht geahnt, nicht ahnen können, dass sie Alkoholiker heiratete, der sie auch immerzu schlagen würde, als sie ihm nach Frankfurt folgte. Sie halte es zuhause nicht mehr aus und wolle sich scheiden lassen, aber nicht nach Afrika zurück, berichtete sie unlängst in der Sprechstunde des Rechtshilfekomitees.
Gegenüber der jungen Guineerin saß Stephanie Weh; die Juristin hörte sich geduldig und aufmerksam die Lebensgeschichte der Frau an. Helfen konnte die deutsche Anwältin der Ratsuchenden aber nicht. Wenn sie sich scheiden lasse, dann verfalle ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland, musste Weh ihr erklären. Denn das Gesetz sehe den selbstständigen Aufenthalt erst nach einer zweijährigen Ehe vor.
Ob sie diese Gesetzeslage für gut oder schlecht hält, das ist aus der Schilderung der Anwältin zunächst nicht zu entnehmen. Erst als sie über ihren beruflichen Werdegang berichtet und auf ihre Erfahrungen als Juristin in Australien zu sprechen kommt, lässt sich heraushören, dass Weh mit der bundesdeutschen Einwanderungs- und Ausländerpolitik nicht so recht zufrieden ist.
Weh ist eine aus der Gruppe von Anwälten, die ehrenamtlich für das Rechtshilfekomitee tätig sind. Im Wechsel mit den Kollegen berät die 34-Jährige dienstags zwischen 18 und 20 Uhr all jene Ausländer, die ins Büro an der Christuskirche am Beethovenplatz kommen im Westend. Die meisten haben von der Beratungsstelle über Freunde und Bekannte gehört und kommen, weil sie sich den Besuch in einer Kanzlei nicht leisten können; einige auch, weil sie Anwälten misstrauen und sich einen unabhängigen juristischen Rat einholen wollen.
Seit nunmehr 30 Jahren unterstützt das Rechtshilfekomitee in Frankfurt Ausländer unentgeltlich. Seit 2005 ist Weh dabei. Von einem Kollegen hatte die Juristin, die damals noch neu in der Stadt war, über die Arbeit des Vereins erfahren. Eine wichtige Arbeit, fand sie und wollte das mit ihrem Fachwissen unterstützen. Anfangs habe sie nur "geschnuppert", also dabei gesessen und zugehört, erzählt sie, während erfahrene Kollegen sich die Sorgen und Nöte der Ausländer anhörten und Rat gaben.
Nunmehr gibt Weh selbst Hilfesuchenden, die mit Schreiben von Behörden oder dicken Akten in der Hand an ihrer Tür klopfen, eine erste Orientierung oder auch den entscheidenden Rat. Mal handelt es sich um Probleme mit der Aufenthaltserlaubnis, mal um die drohende Ausweisung, manchmal ist es auch nur ein Problem mit dem Vermieter. Ein Großteil derer, die die Sprechstunde aufsuchen, stammen aus Afrika; immer wieder sind es auch Heiratsmigrantinnen und Prostituierte mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, die zu ihr kommen.
Deren Lebensgeschichten haben mit Wehs keinerlei Verbindung. Sie wuchs als Tochter eines Lehrerehepaars recht wohlbehütet bei Stuttgart auf. Weil sie während eines Schulpraktikums in einer Anwaltskanzlei Gefallen an dem Beruf fand, studierte sie Jura und stellte später fest, dass "das Studium nichts mit der Realität zu tun hat".
Nicht alle, die vor ihr sitzen, brauchen juristischen Beistand. In solchen Fällen holt Weh den Ordner mit der Liste der Beratungsstellen hervor und gibt Adressen und Namen von Ansprechpartnern weiter. "Manche haben psychische Probleme, damit bin ich überfordert", gesteht sie. Dann helfe ein Experte aus der Sozialarbeit weiter, der bei den Beratungen dabei sei.
Wenn sie einem Ratsuchenden habe helfen können, dann freue sie das. "Das ist ein gutes Gefühl", sagt Weh. Und es motiviert natürlich. Sie sagt aber auch, dass sie sich mit der Zeit professionelle Distanz zugelegt habe. Denn die Geschichten und Probleme, die vorgetragen werden, seien nicht immer leicht zu verdauen.

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