"Wir nehmen uns zurück." Diese Einschätzung von Pröpstin Gabriele Scherle trifft auf den neu gegründeten Rat der Religionen in besonderer Weise zu. Die evangelische Kirche ist in dem 23-köpfigen Gremium mit nur einem Sitz vertreten und damit schwächer als die Sikh-Gemeinde, die zwei Repräsentanten schickt. "Das ist nicht einfach, aber wir akzeptieren die dahinter stehende Logik", sagt Scherle.
Die evangelische Pröpstin wertet den stark unterrepräsentierten Auftritt der evangelischen Kirche im Rat als "Anerkennung der interreligiösen Situation in Frankfurt". Es sei von Anfang an das Anliegen der christlichen Kirchen gewesen, das Gremium nicht zu dominieren. "Wenn wir den Rat nach der Zahl der jeweiligen Mitglieder besetzt hätten, wären die Hälfte Christinnen und Christen gewesen."
Seit dem Höchststand in den 60er Jahren sind evangelische und katholische Kirche in Frankfurt im Niedergang begriffen. Die evangelische Kirche hat noch 135.500 Mitglieder, die katholische 156.000.
Drittgrößte religiöse Gruppe in Frankfurt sind mit etwa 70.000 Gläubigen die Muslime. Weil sie keine Kirchensteuer zahlen und nicht zentral erfasst werden, gibt es hier nur Schätzungen.
Damit möglichst viele religiöse Gruppen eine Stimme im Rat haben, einigte sich der Vorbereitungskreis auf ein Verfahren, dass die Mitgliederzahlen außer acht lässt: Jede Religionsgemeinschaft ist im Rat mit mindestens zwei und höchstens fünf Repräsentanten vertreten. Eine Ausnahme bilden die Ahmadiyya-Gemeinde, die von den muslimischen Gruppierungen nicht als muslimisch anerkannt wird, und die Mormonen, die von den Kirchen nicht als Christen angesehen werden.
Entscheidend sei nicht die Stimmenzahl einzelner Konfessionen, sondern die Gruppe der Christen im Rat, betont Pröpstin Scherle. Mit fünf Sitzen bildet die christliche dort die größte Fraktion. Die Muslime haben vier Sitze, die Ahmadiyyas nicht mitgerechnet.
Ärger über die Katholiken
Ein wenig geärgert hat sich Scherle über das Verhalten der katholischen Kirche. Im Vorbereitungsgremium sei vereinbart worden, dass jede Konfession zwei Sitze erhält, von dem je einer für Vertreter ausländischer Gemeinden reserviert sein sollte, und der fünfte Sitz der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zugestanden werden solle. "Wir haben dann einen Sitz an den Konvent in internationaler Gemeinden abgegeben", berichtet Scherle. Dass die katholische Kirche dies nicht getan habe, bedaure sie.
Für die katholische Kirche sitzen Stadtdekan Raban Tilmann und der Leiter des Hauses am Dom, Joachim Valentin, im Rat. Es sei der Wunsch von Bischof Tebartz-van Elst gewesen, dass der Stadtdekan und er als Islambeauftragten des Bistums diese Aufgabe übernähmen, erklärt Valentin. Er verweist auf die katholische Weltkirche, der alle ausländischen Gemeinden automatisch angehören.
Die Gefahr, dass die Christen im Rat von Minderheitengruppen überstimmt werden könnten, sieht Pröpstin Scherle nicht. "Einvernehmliche Entscheidungen sind das Ziel, dafür müssen wir uns dann Zeit nehmen." Immerhin sei die evangelische Kirche zusätzlich mit Pfarrerin Ilona Klemens vertreten, die dort als Geschäftsführerin Rederecht hat.
Um theologische Fragen werde es im Rat auch gehen, betont Klemens, die als Pfarrerin für den interreligiösen Dialog zuständig ist und die Gründung fünf Jahre lang mit vorbereitete. "Nur zur Wahrheitsfrage, also welcher Glaube richtig oder falsch ist, wird sich der Rat der Religionen nicht äußern."

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