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Reaktion auf HR-Bericht: Imam unter Verdacht

Der Imam der Hazrat-Fatima-Gemeinde wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwürfe, bestreitet aber die Teilnahme an Al-Quds-Demonstrationen nicht. Er habe nichts zu verbergen, sagt er. Von Canan Topçu

Imam Sebahattin Türkyilmaz im Gebetsraum der Hazrat-Fatima-Gemeinde in Griesheim.
Imam Sebahattin Türkyilmaz im Gebetsraum der Hazrat-Fatima-Gemeinde in Griesheim.
Foto: Andreas Arnold

Die Vorwürfe, mit denen sich Sebahattin Türkyilmaz konfrontiert sieht, sind für ihn nicht neu. Es gab auch zu früheren Zeiten Presseberichte, die ihn aufgrund seiner Teilnahme an Demonstrationen gegen die israelische Politik in die Nähe der Hisbollah gerückt haben. Überrascht war der Imam der Hazrat-Fatima-Gemeinde am Sonntagabend trotzdem, als er über einen Anruf erfuhr, dass im HR-Fernsehen ein Beitrag über ihn gelaufen ist.

Die Sendung "defacto" zeigte einen knapp zwölf Minuten langen Bericht, in dem unter anderem Türkyilmaz als Teilnehmer einer Demonstration zu sehen ist. Es soll sich laut HR-Bericht um eine Al-Quds-Demonstration im August 2006 gehandelt haben. Türkyilmaz wundert sich darüber, dass die Journalisten, die diesen Beitrag vorbereiteten, es nicht einmal für nötig hielten, auch eine Stellungnahme von ihm einzuholen.

Mehrmals hat er sich im Internet den Beitrag angeschaut und versucht, die darin gemachten Aussagen mit seiner Sicht der Dinge in Einklang zu bringen. Doch das wolle ihm nicht gelingen, sagt der bärtige Mann. "Der Beitrag erweckt einen völlig falschen Eindruck, zumal Worte und Sätze aus dem Zusammenhang gerissen wiedergegeben werden", sagt der Imam, der seit Anfang 2009 der Hazrat-Fatima-Gemeinde vorsteht. Zuvor war er Imam in Berlin, wo am Al-Quds-Tag (letzter Freitag des islamischen Fastenmonats Ramadan) Demonstrationen stattfinden.

"Das ist doch Quatsch"

Der Al-Quds-Tag steht im Zusammenhang mit der Besetzung Ostjerusalems (Al Quds) durch Israel und geht auf einen Aufruf des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Chomeini aus dem Jahr 1979 zurück. In Berlin wird die Demonstration von einem Verein organisiert, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Als Protest gegen diese Kundgebung riefen Vertreter politischer Parteien und jüdischer Organisationen zu Gegendemonstrationen auf. Kritik der Gegner ist, dass auf den Al-Quds-Demonstationen antisemitische und antiisraelische Hetze betrieben wird.

Dass er auf diesen Demonstrationen war, findet Türkyilmaz selbst nicht verwerflich. Es seien angemeldete Demonstrationen gewesen. Er habe nie ein Geheimnis aus seiner Teilnahme gemacht. "Es sind Protestaktionen gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete durch Israel." So will der schiitische Geistliche den Aufruf zu den Demonstrationen verstanden haben. Und mit diesem Protest kann er sich durchaus identifizieren. Mit Unverständnis reagiert er auf den in dem Fernseh-Beitrag gemachten Kommentar, dass er "nervös" reagiert habe, als er entdeckt habe, dass er gefilmt werde. "Das ist doch Quatsch", sagt er. Während er sich zu den in der HR-Sendung gemachten Vorwürfen äußert, wirkt der Imam der schiitischen Gemeinde recht entspannt.

Er habe überhaupt nichts zu verbergen, sagt er. Jeder, der ihn als Geistlichen erlebe und ihn kenne, wisse, dass er weder Antisemit noch Anhänger der Hisbollah sei. "Wie könnte ich als gläubiger Moslem, der weiß, dass Islam, Christentum und Judentum dieselben Wurzeln haben, gegen Juden wettern", erklärt er.

Ausbildung im Iran

Seine Ausbildung absolvierte der 43-Jährige im Iran. Acht Jahre lang - von 1982 bis 1990 - war er Schüler an der Theologischen Hochschule in Qum.

Natürlich könne daraus abgeleitet werden, dass er im Iran auf die eine oder andere Weise indoktriniert worden sei. Gegen Unterstellungen dieser Art fühlt sich Türkyilmaz gewappnet und sagt: Um schiitischer Imam werden zu können, habe er sich für eine Ausbildung im Irak oder Iran entscheiden müssen. Er sei ein Geistlicher, es sei um seine religiöse Ausbildung gegangen, um Politik habe er sich im Iran nicht gekümmert. Und das gelte auch für die Gegenwart."Aus Politik halte ich mich heraus", sagt der Imam, der bis zur Pubertät eine Biografie hatte, wie sie viele Töchter und Söhne der aus der Türkei stammenden Migranten haben.

Die ersten sechs Jahre seiner Kindheit verbrachte er in einem Dorf bei Igdir, einem Städtchen ganz im Osten der Türkei. Seine Eltern kamen Anfang der 1970er Jahre als Gastarbeiter nach Stuttgart. Sebahattin wuchs bei Verwandten in Istanbul und Izmir auf. Die Eltern holten ihn zu sich, als er 14 Jahre alt war und die Mittelschule absolviert hatte. "Ich habe die Schule in der Türkei mit Auszeichnung beendet, hier aber kam ich nicht zurecht", berichtet Türkyilmaz. Zwei Jahre lebte er bei seinen Eltern in Stuttgart, und erst in dieser Zeit nahm er bewusst war, dass er ein schiitischer Moslem ist. Seine religiöse Identität sei durch Mitglieder der Stuttgarter Moscheegemeinde gestärkt worden, und so habe er beschlossen, Imam zu werden.

In Deutschland lebt Türkyilmaz seit 1993. Er heiratete eine Frau aus Berlin, deren Eltern auch aus Igdir stammen. Vier Kinder im Alter zwischen 11 und 18 Jahren hat er. Seine Familie lebt in Berlin, "wegen der Kinder, die dort zu Schule gehen". Seit einem Jahr pendelt der Iman von Frankfurt aus.

Autor:  Canan Topçu
Datum:  11 | 2 | 2010
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