Vier Monate war Ruhe in der Wiesengasse. Dort, wo sich eine schmucke Hofreite an die nächste schmiegt und die Landluft von den Feldern herüberweht. Ein idyllisches Fleckchen Wetterau. Vier Monate lang zumindest. Wochen, in denen die Anwohner nachts nicht von draußen grölenden Kahlschädeln aus dem Bett geschreckt wurden, von „Sieg Heil“-Rufen, Rechtsrock und Nazi-Gesängen. Ohne Übergriffe und ohne Partys, bei denen Kunstnebel aus Duschköpfen waberte und im Gaskammer-Ambiente allerlei tiefbrauner Schund geprobt wurde. Vier Monate ohne den „Schlitzer“.
Vieles wird erzählt über Patrick W. und seine Hofreite in Echzell. Und vieles davon entspricht der Wahrheit. Das bestätigen Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Nachbarn mussten es erleben. Nun, so fürchten sie, geht der Spuk wieder los. Seit Freitag ist Patrick W. wieder raus aus dem Knast.
Eigentlich fing es schon mit Thüringen an. Seit die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle Mitte November bekannt und die Republik wie vom Donner gerührt wurde, kann Werner Schubert kaum noch schlafen. „Diese Anschläge, die Reaktion der Regierung, von Merkel, von Bouffier“, er sucht nach Worten. „Das alles macht mich traurig und es macht mir Angst“. Wie könne es sein, dass niemand etwas gewusst habe, dass der Rechtsextremismus derart unterschätzt, ja verharmlost wurde? „Thüringen ist Echzell, Echzell ist Thüringen“, sagt Schubert, der direkt gegenüber von W. wohnt. „Ich hoffe, dass unser Problem nun endlich ernst genommen wird.“
Dass der „Schlitzer“ ausgerechnet jetzt aus der U-Haft entlassen wurde, spreche allerdings nicht gerade dafür, meint Sabrina Lauster, Sprecherin des Vereins „Grätsche gegen Rechtsaußen“, der sich gegen die braunen Umtriebe in Echzell und Umgebung wehrt. Auch Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Wetterau (Antifa-BI) hält W.s Haftaussetzung „psychologisch für das Schlechteste, was man nach Thüringen machen konnte“.
Grund für die Festnahme: Drogen
Dabei wurde W. nach einer Razzia am 7. Juli 2011 nicht einmal wegen seiner Gesinnung, wegen Volksverhetzung oder Körperverletzung festgenommen. Der Grund waren Drogen. Vier Kilo Amphetamin und gut ein halbes Kilo Haschisch fanden die Fahnder bei dem damals 25-Jährigen. Doch immerhin war er damit erst mal weg aus der Wiesengasse.
Als er vor ein paar Jahren dorthin zog, habe man sich um eine gute Nachbarschaft bemüht, sagt Schubert. Er habe W. geholfen, ihn und seine Frau mal zu einer Feier eingeladen. „Ein netter junger Mann“, beschreibt ihn auch Dagmar Seib. Einer, der seine weniger netten Facetten jedenfalls anfangs nicht allzu deutlich zeigte – sie aber auch nicht verbarg. „Wir hatten kaum Ahnung von dieser Szene“, sagen die Nachbarn.
Seine Tätowierungen kamen ihnen aber merkwürdig vor, diese Symbole, die 88 auf dem Oberarm, die im rechten Zahlencode für „Heil Hitler“ steht, das „C18“ in W.s Nacken, Zeichen der neonazistischen Terrorgruppe „Combat 18“ (Kampf Adolf Hitler). Und dann seine Kumpels, die „Old Brothers“, die so heißen wie das Tattoo- und Piercing-Studio, das W. in Wölfersheim, Büdingen, Düdelsheim sowie in seiner Hofreite betrieb. Die Kameras, die nicht nur den Eingang von „Old Brother’s Castle“ überwachen, sondern die komplette Straße.
„Schließlich“, habe er sich auf einer Silvesterparty bei Nachbarn seiner politischen Einstellung gebrüstet, berichten diese, „ich bin rechtsradikal und habe mit 15 einen Marokk niedergestochen“. Daher der Name „Schlitzer“. Die meisten Anwohner gingen auf Distanz, grüßten aber weiterhin freundlich. Wie es auf dem Dorf eben so ist.
Doch die „Old Brothers“ drehen auf. Sie feiern, lärmen, Kampfhunde bellen. Alkohol fließt reichlich, die rechte Partytruppe putscht sich mit Speed, Pillen und sonstigen Drogen auf. Von „Gaskammerpartys“ ist die Rede, von Live-Sex-Shows, von Gang-Bangs, sogar von Waffen. Immer öfter beschweren sich die Nachbarn über das rechtsextreme Geplärr, immer öfter rückt die Polizei an. So auch an jenem frühen Samstagmorgen im Oktober 2009, als der tobende Mob in einen Nachbarhof einfällt und den Besitzer krankenhausreif schlägt.
Darauf formiert sich der Widerstand. Gut 80 Menschen treffen sich wenige Wochen später und gründen die Bürgerinitiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“. Es gibt Demonstrationen und zwei Rockfestivals, im Oktober 2010 wird die BI zum Verein mit aktuell 64 Mitgliedern, darunter Kommunen, Parteien, Schulen, Kirchen. Und W.s Nachbarn.
„Die Leute müssen mehr nach rechts gucken, allein wegen ihrer Kinder“, fordert Dagmar Seib. Schließlich spreche W. gezielt Jugendliche an und lade sie zu seinen Partys ein. Musik, Alkohol und Drogen, garniert mit Neonazi-Belustigung, Hass und Rassismus. „Dagegen muss man etwas tun“, sagt Seib, „man darf doch nicht warten, bis Blut fließt.“
Dass es so weit bisher nicht gekommen ist, „war auch Glückssache“, sagt Grätschen-Sprecherin Sabrina Lauster. „Die Situation ist zunehmend eskaliert.“ Steine fliegen in Nachbarhöfe, Sachen werden beschädigt, Autos manipuliert. Einige Anwohner tun es W. gleich und installieren Kameras. Irgendwann fällt ein Schuss, ein Fenster geht zu Bruch. Die Polizei stellt eine Kugel in Werner Schuberts Wohnzimmer sicher. Es ist nicht seine schlimmste Erfahrung mit den „Old Brothers“.
Anwohner munkeln über die Untätigkeit der Polizei
Im Juli 2010 wird es Schubert zu bunt, respektive zu braun. Jemand hat seine Kamera abmontiert, ebenso wie die eines anderen Nachbarn. Schubert geht hinüber zu W., wo mal wieder eine Party tobt. Auch die Polizei ist schon da. Das Gespräch bringt nichts, Schubert holt eine Leiter und will an W.s Kamera heran. Die „Old Brothers“ zerren Schubert von der Hauswand und seine Hose herunter. Kurz darauf erscheint das Video im Internet. Von den drei anwesenden Polizisten geht nur einer dazwischen.
Der andere habe sich gerade drinnen aufgehalten, der dritte als Praktikant nicht eingreifen dürfen, erklärt die Polizei Friedberg. Auch ansonsten müsse man den Vorwurf, dass die Polizei zu wenig unternehme, zurückweisen. „Wir beobachten die Szene sehr genau“, sagt Sprecher Jörg Reinemer. Doch spätestens seit diesem Vorfall mehren sich Gerüchte über freundschaftliche und familiäre Verbindungen der Polizei zur „Old-Brothers“-Szene.
Viele Fäden liefen in W.s Hofreite zusammen, ist die Antifa-BI sicher, die Wetterau sei nicht nur wegen der Old Brothers nach wie vor eine rechte Hochburg in Hessen. Etliches werde unter den Teppich gekehrt, sagt der Rechtsanwalt Tronje Döhmer, der sich seit Jahrzehnten mit Rechtsextremismus beschäftigt und zahlreiche Opfer rechter Gewalt vertritt. Auch Werner Schubert. Sein Verfahren gegen die Angreifer, die ihn misshandelten, wurde eingestellt, „wegen geringer Schuld“. Döhmer legte Beschwerde ein. „Ich habe schon hin und wieder den Eindruck, dass die Justiz auf dem rechten Auge blind ist.“
Ähnlich werten Nachbarn und BIs den Umstand, dass der „Schlitzer“ ausgerechnet jetzt auf freien Fuß gesetzt wurde, allerdings mit einer elektronischen Fessel. „Der Haftbefehl ist ja nicht aufgehoben,sondern nur außer Vollzug gesetzt“, betont Ute Sehlbach-Schellenberg, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Gießen. „Wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr eine Abschlussverfügung erwirken.“ Dann kommt es in der Drogensache zum Prozess. Doch gegen W. sind noch weitere Verfahren anhängig, bestätigt Sehlbach-Schellenberg, darunter Körperverletzung und Volksverhetzung. W. könnte dann wieder ins Gefängnis wandern. Bis dahin aber kann er sich von seinen Old Brothers feiern lassen. Das ganze Wochenende seien Autos vorgerollt, berichten Nachbarn, W. sei mit Geschenken überschüttet worden. Werner Schubert seufzt. „Es ist wieder wie früher.“

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.